Ausgabe 
12 (17.10.1852) 42
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trübe nicht erschrecken. Schrecklich ist nur der Abgrund längs des Weges, furchtbaroder erfreulich nur allein daS Ziel.

Vergissest du nie, daß hienieden nur eine Wanderung sey durch Elend zurFreudenfülle, durch Finsterniß zum Licht, so wirst du in stiller Sehnsucht deinen Weggehen und in heiliger Furchl; du wirst aber, der Gefahr stets eingedenk, zu deinerMutter flehen, die alle Menschen mit himmlischer Liebe liebt und täglich rufen: Nachdieser Finsterniß zeig' unS das Licht! nach diesem Elende zeig' uns Jesum, den Herrnder Seligkeit; die gebenedeite Frucht deines LeibeS!

Zu Ihr rufe täglich, mein Sohn, Ihrem Schutze empfiehl' deine Seele. DiedaS Licht, die Wahrheit und das Leben, die den Seligmacher uns gebar, sie ist diePforte deS Himmels, die Königin des Paradieses. Ihrer Huld empfehle ich dichund mich, da voll christlicher Zuversicht auf Christi Wunden und Mariä Schmerzenich hinaus gehe auS diesem Elende; ich, dein Vater, Thomas Falzmann,Buchbindermeister allhier."

DaS ist ein beweglicher Brief! sprach Pankraz, ihn wieder zusammenfaltend;aber kaum für junge, glückselige, frische Leute, bei denen der Himmel noch vollGeigen hängt. Wir Alten freilich, wir haben schon ein MehrereS erfahren. HerrFalzmann aber entgegnete: Dieß Gute hat daS Elend, daS da genannt wird Miseria,daß eS uns über das Elend belehrt, so da heißt Erilium. Im Uebrigen werden derHerr Nachbar höflichst ersucht, den Herrn Prior baldigst zu mir zu bitten. Denn eSist aller Tage Abend herbeigekommen und dämmert schon herein.

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Schluß.

O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria."

Als eS binnen wenigen Wochen mit dem alten Falzmann dahin kam, daß seineSeele von den morsch gewordenen Banden ihres irdischen Einbandes sich löste, hatman diese kindliche Anrufung noch von seinen erbleichenden Lippen vernommen. HerrPankraz sah in sein altes Gebetbuch hinein, und laS die Bernardischen Worte:Gütig bist du den Dürftigen, milde den Flehenden, süß den Liebenden. O wiegütig erweisest du dich den Reuigen, wie milde den Fortschreitenden, wie süß denVollendeten!" Der Prior sprach die letzten priesterlichen Worte über den Verblichenen,Herr Jacques schluchzte und Josephs weinte mit ihm. Da hielt der fürstliche Wagenvor dem Hause und die Fürstin selbst trat herein. Wir bitten tausendmal um Ver-zeihung, rief Herr Pankraz, indem er, obwohl mit großer Submission, Miene machte,der hohen Frau den ferneren Weg in des Zimmers Mitte abzusperren; er ist so ebenfortgegangen, der Selige, er ist ganz richtig gestorben, wie er'S seit den letztenWochen immer behauptet hat, daß er ganz sicher sterben werde; er muß eS also dochdeutlich in sich gefühlt haben! Ja, waS noch mehr ist, er hat sich daS Salve Reginavorbeten lassen, wie Einer, um ein recht plumpes und doch in etwas erhabenesErempel zu geben, wie Einer, der da sagt: Ihr Hautboisten, oder ihr mit denCymbeln und Harfen, spielt mir anjetzo mein Lieblingsstück auf, denn ich gehe meinenFreudengang und komme nimmermehr, und mit dem Elende hat eS ein Ende. Nichthinschauen, Ew. Durchlaucht, wiewohl Ew. Durchlaucht ganz allein zu befehlenhaben, aber ich wollte nur gemeint haben--Der Prior unterbrach diesen Vor-trag gutgemeinter Besorgnisse, indem er durch einen abwehrenden Blick auf den leb-haften Redner die Aussicht auf den beredsamen Todten frei machte. Auf diesemerstarrten Angesichts, sagte er, hat die scheidende Seele eine Glanzspur ihres Friedensund ihrer Freudigkeit zurückgelassen, hier sind keine TodeSschrecken. Von Lippen, inderen letzten zuckenden Regungen sich noch der süße Name Maria formt, kann derTodeSschmerz das Lächeln nicht verscheuchen. Sie hat ihrem treuen Diener den Bei-stand gewährt, um welchen er täglich sie gebeten halte; gelobt sey Gott.

Herr JacaueS schluchzte bei diesen Worten noch mehr als früher, und Josephaweinte noch ferner mit ihm. Auch Herr Pankraz konnte nicht umhin, ein Gleicheszu thun, nur rief er dazwischen: die guten Kinder! ach, die guten Kinder!