Ausgabe 
12 (24.10.1852) 43
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Die EntstehuiigSzcit des christlichen JnnuiigSwesenS fällt, wenigstens in Bezugauf unser deutsches Vaterland, in daS zehnte und eilfte Jahrhundert. Aus denKlöstern nahm dasselbe seinen Ursprung und seine Einrichtungen. So lehrt eS dieGeschichte, die unS, wenn sie nicht von schlechten, glaubenslosen und kirchenfeind-lichen Menschen verfälscht wird, unbestreitbar nachweiset, daß zu jener Zeit und schondurch mehrere Jahrhunderte früher stets die Klöster die einzigen Stättenwaren, wo Kunst und Wissenschaft und auch das Handwerk seinePflege fand.

AIS die ersten GlaubcnSpredigcr Deutschland durchzogen, da war selbes nochvoll Wüsten, Waldungen, Sümpfen und Einöden. Die Einwohner führten ein wildesKriegs- und Jägcrleben. Ihre Bedürfnisse waren gering, ihre Wohnungen elend.Städte waren nur wenige, und selbst diese waren nur ehemalige Niederlassungen derRömer, die unsern heutigen Begriffen von einer Stadt nur wenig entsprechend seynmochten. Unter solchen Umständen konnte von Kunst und Handwerk keine Rede sevn.

Da kamen die Söhne dcö heiligen Benedicts und gründeten ihre Klöster. Siesuchten sich zu ihren Niederlassungen die verwildertsten und einsamsten Gegenden auf.Balv lichtete sich durch ihrer Hände Arbeit der dichte Wald, die Sümpfe wurdenausgetrocknet und in fruchtbares Ackerland umgewandelt. An der Stelle, wo sonstnur wilde Thiere hauSten, erhoben sich die Zellen der Mönche und daS Gotteshaus,daS Kloster. Zur Herstellung eines Klosters war nun daS Handwerk in allenseinen Zweigen unumgänglich nothwendig. Denn daS Kloster sollte eine dauerhafteStätte werden nicht'bloß für jene frommen Männer, die eS gründeten, sondern auchfür Jene, die nach ihnen sich demselben heiligen Berufe weihen würden. Die Zellender Mönche sollten nicht seyn wie die Zelte der Hirten oder der Krieger, wandelbar,sondern beständig, fortdauernd nicht bloß für den ersten Bewohner, sondern auch fürseine Nachfolger. DaS Kloster sollte eine feste Burg werden, aus welcher nicht bloßfür heute, sondern auch für kommende Zeiten das Christenthum, christliche Bildungund Gesittung über Nah und Fern sich verbreiten sollte. Die Klöster waren ohneWiderrede die ersten festen fortdauernden Anstedlnngen. Wer baute denn nun dieKlöster? Wer übte die bei einem solchen auf eine längere Dauer bestimmten Bauenothwendigen Handwerksarbeiten? Die Mönche selbst. Wer sich die Mühe gibt,nur einigermaßen die Geschichte der Ausbreitung des Christenthumes in Deutschland zu erforschen, der wird das Gesagte tausendfach bestätigt finden. Alle damals noth-wenvigen und üblichen Handwerke wurden von den Klosterbrüdern ausgeübt. Darumenthält jede alte Klosterregel eigene Vorschriften über die Handwerke.

AIS man aber im zehnten Jahrhundert unter König Heinrich dem Finkler an-fing Städte zu bauen, so genügten die Klosterbrüder als Handwerker nicht mehr.Der Bau einer Stadt erfordert viele Handwerker. Zudem war den Klosterbrüdernverboten, bei rein weltlichen Bauten sich zu bctheiligen. So wurde denn nun mitder Gründung der Städte ein weltlicher Handwerkerstand nothwendig, derauch in dieser Zeit wirklich entstanden ist. Indessen übten dcmohngcachtet die Mönchewie vorher ihre Handwerke aus. Der Bau der Kirchen blieb noch Jahrhundertehindurch beinahe ausschließend in ihren Händen. Zudem waren eben die Mönche dieLehrer für die weltlichen Handwerker. Von wem hätten sie sonst auch die Handwerkeerlernen können? So waren denn die Klöster die Mütter auch des weltlichen Hand-werkerstandes. Der neu entstandene weltliche Handwerkerstand verläugnete aber auchseine Mutter nicht. So wie ein gutes Kind aus dem Elternhause die meisten Sitten,Gebräuche und Gewohnheiten mitnimmt, und im neuen Hause getreulich fortübt,ja selbst der Nachkommenschaft dieselben gewissenhaft überliefert: eben so nahm auchder weltliche Handwerkerstand aus seinem Mntterhause, dem Kloster, gar manche Ein-richtungen mit in die Welt hinaus. Davon überzeugt uuS der Zeitgenosse Bertholdvon Konstanz. Nach seinem Berichte bildete sich daS Jnnungswesen kurz vor denKreuzzügen, und er bemerkt um daS Jahr 1091, daß in jenen Zeiten daS gemein-schaftliche Leben nicht bloß unter Mönchen und Geistlichen, sondern auch in der