Ausgabe 
12 (24.10.1852) 43
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Kirche, die mich schon beinahe 54 Jahre lang liebevoll in ihrem mütterlichen Schooßegenährt hat, wie könnte ich dem allgemeinen Vater der Christenheit und dem aposto-lischen Stuhle, dem Centrum der kirchlichen Einigkeit, jetzt treulos, und meineidigwerden? Wie könnte ich, nachdem ich als ein entehrter, von Gewissensbissen gefol-terter Greis als ein Object des Aergernisses und MitleidenS bei meinem theurenKlerus, als der Spott meiner Feinde, als ein Fluch der Menschheit in mein nahesGrab dahin sänke wie könnte«!« vor dem Richlerstuhle eines allwissenden, gerech-ten GotteS bestehen! Man fordere von mir zum Besten des Vaterlandes Alles, wasman will; aber meine Ehre und mein Gewissen aufopfern, dazu kann und werde ichmich nicht verstehen. Ich habe beschworen, Alles, waS der König und der Staatberechtigt ist, zu fordern. Mehr kann ich nicht, und mehr will auch der Könignicht. Oder was wäre der unbedingte Eid aus dem Munde eines Priesters andersals eine bloße Formalität, ein leeres Ceremonie! ohne innern Gehalt und.Verbind-lichkeit, und waS läßt sich von einem Menschen, der dem allwissenden Gott trcnloszu werden unverschämt genug war, anders gewärtigen, als daß er seinen Eir>-schwnr eben so rasch und unbedenklich breche, als schnell und leichtfertig er ihngeleistet hat." ___

Wien .

Wien im September. Die Wiener Tagblätter berichteten vor Kurzem dieTaufe eines Mohren in Wien . Kaum war dieß bekannt, so erschien eines TageSein uubekannrer aber überaus höflicher Herr bei dem neuen Katholiken, bezeugte ihmseine Freude darüber, daß er getauft sey, und drängte ihm zwei schön gebundeneBücher auf mit den Worten:Nehmen Sie diese Bücher und lesen Sie fleißig darin,damit Sie doch auch wisse«, warum Sie Christ geworven sind!" Und diese wichtigenBücher waren?Das neue Testament von vr. Martin Luther ?, das andere,dieGeschichte von dem bekehrten Räuberhauptmann Afrikaner. Herausgegeben von derevangelischen MissionSgesellschaft zu Basel Nr. 3," eine läppische Erzählung voll Lugund pietistischer Scheinheiligkeit. Und wer war der gute Herr mit der großmüthigenPrämie? Nach näherer Erkundigung Niemand als ein frommer Anglikaner auS irgendeinem HandelSbureau, und allem Anscheine nach ein eifriger Agent, den die vor eini-gen Monaten auS Pcsth-Ofen ausgewiesenen anglikanischen Missionäre in Wien zueiner spätern Mission zurückgelassen haben. ES ist schade, daß die Bescheidenheitdieses frommen Bureaumissionärs unsern Seelsorgern unmöglich macht, ihm fürseinen Eifer, ihr Werk zu vervollständigen, den verdiente» Dank zu bringen. EinHausirverbot gegen lutherische Bibeln ist für das fromme Krämervolk, welches imeigenen Vaterlande Fabriken für Götzenbilder hält, nur ein nutzloses Schreckmittel.(W. Kchztg.) _

Pommern.

AuS Pommern wird geschrieben: Die neuesten Praktiken gegen die katholischeReligion scheinen trotz Allein doch nickt gut anzuschlagen. In Neustadt-EberSwalde find im letzten halben Jahre zwanzig Personen bereits katholisch geworden. Obendreinist dieß noch eine Gegend, in welcher der katholische Glaube erst jetzt wieder auf-kommt. In der dortigen katholischen Schule werden liebst den Kindern katholischerEltern zehn ans ganz protestantischen Ehen katholisch erzogen, weil die Leute jetzt nurnoch im katholischen Glauben eine Zukunft sehen.

Verantwortlicher Redacteji^: L, Schöucheu,

VerlagS-Inhaber: E, Kremer.