Ausgabe 
12 (31.10.1852) 44
Seite
346
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

.jisis»?

34k

nun gestern unter vielen Thränen in herzlicher Liebe, aber in seliger Gewißheit vonihrem Angesichts Abschied genommen, um in die katholische Kirche einzutreten. Längerals zwei Jahre stand ich im schwersten Kampfe, in welchen durch meinen seligenSchwager, den Superintendent und Kirchenrath Wedemann, mich Gott geführt, wel-cher auch zu diesem Schritt entschlossen war.

Ich bitte euch nun, geliebte Brüder: sehet mich nicht an als vom Teufel ver-blendet, oder in schwere Sünden verfallen! DaS weiß ich, das glaubt ihr wohl vonmir, daß kein irdisches Interesse mich verlockt habe. Ich bringe Gott mein sicheresBrod zum Opfer dar, ich bringe Gott ein Amt zum Opfer, in welchem ich völligeingeübt, mit Lust arbeitete, und das ich so nie wieder haben kann. Saget mir:glaubet ihr, daß ich aufrichtig suche selig zu werden? Glaubet ihr, daß ich mit gutemGewissen meinem Gotte dienen will? Ich glaube von den Meisten unter euch, die ichkenne, daß sie aufrichtig nach dem Reiche GotteS trachten und suchen ^ und eS istgerade auf dem Standpuncte, den ich jetzt erstiegen, eine Macht und Kraft mir gege-ben, euch Alle in herzlichster Liebe zu umfassen, Keinen zu verwerfen, Keinen zurichten. ES ist mein Wunsch an euch: Richtet mich nicht! Richtet nicht, bevor derHerr kommt, der den Rath der Herzen offenbaren wird, während ein Mensch siehet,was vor Augen ist. ES ist meine Bitte an euch: Bleibet in der Liebe! Die Liebeglaubt Alles, sie hoffet Alles, sie duldet Alles. Wünschen mögt ihr und begehren,daß euer alter Freund und Seelsorger noch wäre wie ihr seyd. DaS ist richtig,das ist brüderlich; denn eS kann Keiner anders, als ihm gegeben ist, eS soll auchJeder, je nachdem ihm gegeben ist. Aber wenn ihr weiter geht, und richtet den,dem anders gegeben ist, dann sündigt ihr, dann werdet ihr wieder gerichtet werden,dann thut ihr den größten Schaden euch selbst. Davon ganz abgesehen, daß ihrdann nicht einmal wisset, was ihr wollt, daß ihr unseres religiösen Vereines Grund,sähen unverständig selbst widersprechet, nach welchen jeder Christ auS sich selbst sichbestimmen darf und soll, und nur so lange bei uns zu stehen hat, als er selbst unsereAuslegung und Glaubensansicht mit der Schrift übereinstimmend findet. Ich wünscheauch und begehre von Herzen, daß meine alten Freunde und Beichtkinder allesammtwären wie ich bin; aber ich fordere eS nicht, und ich richte nicht. Wenn auch keinSmeiner lieben Schafe seinem Hirten folgen wollte, so hoffe ich dort alle Redlichenwieder zu finden in der Einen Kirche, die Christus gestiftet hat. ES kann ja auchKeinS ohne Weiteres wollen, denn eS weiß nicht und kennt nicht. Und. ich gönnezwar den Kampspreis einem Jeden, aber nicht den schmerzlichen Kampf, in welchemmir das, was als Menschensatzung, als dummer Aberglaube, Lüge und Finsterniß,als leere Ceremonie und todter Werkedienst jedem Lutheraner als Lutheraner erscheinenmuß, mir Gott, als Gottes Ordnung, als seligmachenden Glauben, Wahrheit undLicht, als Geist und Leben hat erscheinen und aufgehen lassen. Die Juden sagen vonuns Christen: wir ließen von einem falschen Propheten ihrer Nation am Narrenseiluns führen; während wir wissen, daß vor ihren Augen die Decke MosiS hängt:so nun sehen wir Protestanten die katholische Kirche an; wir können und vermögennicht anders. Wir wundern unS, wir Lutheraner, über so viele gelehrte und frommeMänner in der Landeskirche, daß ihre Augen nicht sehen, daß sie schuldig seyen, dasErbe ihrer Väter treu zu bewahren, und zur lutherischen Kirche zurückzutreten; abergeliebte Brüder, die ihr bisher mit mir das Erbe unserer Väter treu zu bewahrensuchtet, o möchte euch Allen als Lohn eurer Treue Gott mehr geben, möcht' ereuch das volle Erbe geben! DaS wahre volle Erbe wird durch GotteS Fürsorge vonGeschlecht zu Geschlecht unfehlbar übergeben; die Pforten der Hölle haben nie,Finsterniß und Irrthum haben nie Seine Kirche überwältigt; eS hat sie in allerWahrheit der heilige Geist erhalten. Die aber', welche daS nicht glauben wollten,und als Menschen selbst zu erhalten sich Herausnahmen was Gott geschaffen hatte,und selbst ihr Heil versorgen wollten, diese sind in Irrthum und Finsterniß gerathen;sie haben die Schrift als Constitution ausgerufen. Da soll nun in Christi Reichejeder Unterthan auf der Schrift stehn, und nicht mehr auf den Gesandten Christi,

»