Ausgabe 
12 (31.10.1852) 44
Seite
347
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

347

nicht mehr auf Gottes Obrigkeit, aus lebendigen Personen. Aber die Schrift redetdoch nicht selbst, sie selbst gibt keine Antwort, sie ist kein lebendiger Lehrer, keinRichter, der einen AuSspruch thäte; sondern ein Jeder nimmt selbst sich an der Schriftdie Antwort und den Spruch, Luther nach seiner Art, jede Secte nach ihrer Art;jede meint und denkt, sie hätte daS reine lautere Wort Gottes, und damit wärensie Gottes Gesandte; aber daS Gesandt seyn fehlt. Rom. 10, 15. Joh. 30, 2122.Jer. 23. 2132. Hes. 13, 623. Solch' einer war auch euer Pastor. Ich habees unwissend gethan; nun aber weiß ich es. Doch ich hoffe bald ein Schriftchen euchzu schicken.

Wie gerne möchte ich, so wie ich vor daS Angesicht meiner AmtSbrüder mitvoller Freudigkeit getreten bin, auch vor euer Angesicht treten, und von der Kanzeleuch sagen, waS ich der ganzen Welt inS Angesicht rufen will; aber ich habe keinRecht mehr an die Kanzel. O wie gerne möchte ich, wie ich von meinen liebenAmtsbrüdern mit Thränen und herzlichem Kuß Abschied genommen, auch Jedem voneuch um dem Hals fallen; aber ich kann jetzt Nichts mehr thun als euch sagen:

Ich bin von ganzem Herzen bereit, einem Jeden, der das Vertrauen und dieLiebe mir noch schenken und zu mir kommen will, aufs freundlichste Rechenschaftund Erklärung zu geben! Petr. 2, 15. Eins bitte ich euch noch? Probieret wenig-stens! ES heißt doch sonst bei unS immer: Prüfet AlleSl Warum wollen wir dennnun gerade mit der katholischen Kirche auf ewig fertig seyn? Dort müssen wir dochin die allein seligmachende, wenn wir nicht ewig verdammt seyn wollen; warum dennnicht gleich hier? Thut mir und eurer armen Seele einmal den Gefallen, über-windet euren Ekel und besuchet eine Messe! Stehet aber da nichl im Unglauben undin stolzer Verachtung gaffend, wie ich sonst that; sondern in Sehnen und Verlangenwie jenes Weib, daS Christi Kleides Saum anrührte, und eine Kraft ging von ihmauS und heilte sie. Marc. 5. Erwartet mit Seufzen und Flehen, welche Eindrücke ineuch einstießen, welche Erfahrungen ihr machen werdet, die ihr Geist und Naturunterscheiden wollet! Mit freundlichstem Gruß und Segenswunsch drücke ich Jedemvon euch die Hand, und höre nie auf, in herzlichster Liebe und Fürbitte zu seyneuer ergebenster

Bunzlau , 12. Oct. 1352. R. Hasert.

Ueber die alten christlichen Handwerker-Innungen.

(Schluß.)

Eine andere auf das Christenthum, auf die christliche Liebe, auf die katholischeGlaubenslehre von der Gemeinschaft der Heiligen begründete Einrichtung ist die beiden meisten Innungen gebräuchliche Gedächtnißseier für die verstorbenenIn nungS Mitglieder. In den meisten alten JnnungSbüchern wird vorgeschrieben,daß alle Jahre an einem bestimmten Tage für die Seelen der verstorbenen JnnungS-Mitglieder Jahrmessen gehalten werden sollen.

Diese Einrichtung beweist deutlich , daß die alten Handwerker-Innungen durch-aus nicht aus rein weltlichen Gründen gestiftet wurden, sondern vielmehr eines höhernchristlichen Zweckes willen. Diese Gedächtnißfeier bezeugt deutlich den festen Glaubenan den ReinigungSort und an die Möglichkeit und Wirksamkeit unseres Gebetes fürdie Verstorbenen. Zugleich ist diese Gedächtnißfeier ein schönes Zeugniß von jenerwahrhaft christlichen Liebe, die selbst der verstorbenen Mitgenossen noch freundlichgedenkt, und ihnen mit Gebet und Opfer zu Hilfe kommen will.

Wieder eine andere ganz auf das Christenthum gegründete Einrichtung ist fernerauch die, daß jede Handwerker-Innung ihren Handwerks- oder Herbergs-vater hat.

Der HandwerkSvater entspricht in vieler Beziehung dem Klosterabte. WaS derAbt für die Klostergemeinde, das sollte der HandwerkSvater für die Innung seyn.