Ausgabe 
12 (28.11.1852) 48
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Rede

bei Gelegenheit einer feierlichen Einkleidung und Profeß-Ablegungin dem englischen Fräulein-Institute zu Nvmphenburgam 4. Oktober 1852,

gehalten von Sr. Hochwürden Herrn Dr. KrauS, Prediger an der St, Michaelis,

Hofkirche zu München .

Vater, Herr des Himmels und der Erde, ich preise dich, daßdu dieses vor Weisen und Klugen verborgen, Kleinen aber geoffen-bart hast," so sprach Jesus nach der Erzählung deS heutigen Evangeliums, und ersprach dieses Dank- und Preisgebet, als die zwei und siebenzig Jünger, welche dieGemüther auf seine Ankunft vorbereiten sollten, von ihrer Sendung zurückkamen undmit heiliger Freude ihm erzählten, wie gesegnet ihre Wirksamkeit gewesen.Ichpreise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du diesesvor Weisen und Klugen verborgen, Kleinen aber geosfenbaret hast,"so muß auch ich aus freudigem Herzen rufen, wenn ich diese vierzehn Jung-frauen überblicke, welche heute als geistliche Bräute vor dem Altare ihres göttlichenBräutigams knieen. Gar manchen Christen, die in der Welt leben, wollte der Herrin reichcrem Maße seine Gnaden mittheilen, er wollte sie lieben wie seine AuSerwähl-ten, er hätte ihnen, wie der Prophet, einen Platz angewiesen in seinem Hause, erhätte sie geführt in die Einsamkeit und dort zu ihrem Herze» gesprochen. Aber siewollen der Welt gefallen, sie schmücken sich auf wie Götzen, um ihre Blicke auf sichzu ziehen, sie rennen allen Gesellschaften der Welt nach, sie gewöhnen die Spracheder Welt sich an, und wenn so das Verderben alle Eingänge ihres Herzens in Be-sitz genommen, so zieht sich der Herr von ihnen zurück, die Tiefen des geistlichen Lebensbleiben ihnen verborgen und die Wichtigkeit ihres Seelenheils ist ihnen verhüllt. Diesevierzehn Jungfrauen dagegen haben den Ruf des Herrn nicht verachtet, sie find über-zeugt, daß der Heir zu ihrem Herzen gesprochen; schon seit längerer Zeir kannten siekeinen höheren Wunsch, als in dieses HauS der Ordnung, der Abtödtung, der Jugend,bildung einzutreten, und der Herr hat ihr Bitten erhört und schmückt heute neun ausihnen mit dem geistlichen Kleide, weil sie fest entschlossen sind, sich künftig dem Aller-höchsten als ein Brandopser hinzugeben. Fünf andere aber stehen heute auf demPunkte, die Gelübde auszusprechen, welche sie fest und unzertrennlich an ihren gött-lichen Bräutigam fesseln sollen. Wir verlassen, so erklären vor dem sacramentalenHeiligthume und vor ihrer ehrwürdigen Oberin und vor unS Allen, wir verlassenund vergessen dich, o Welt, und wollen von dir verlassen und vergessen werden;wir verlassen und vergessen euch, ihr frommen Aeltern, ihr theuern Ver«wandten, ihr treuen Freunde und Wohlthäter unsers bisherigen LebenS;wir verlassen und vergessen euch, nicht zwar in unseren Gebeten, wohl aber in Bezugauf euere zeitlichen Angelegenheiten; ja wir verlassen und vergessen uns selbst; wirverzichten auf unsere Besitzthümer, auf unsere Freiheit, auf unsere irdischen Aussichten,auf unsere Bequemlichkeit; wir geben Alles hin, weil wir nicht anders mehr glücklichseyn wollen, als in Gott und mit Gott, weil wir kein anderes Bedürfniß mehr haben,als Gott!

Und ich was soll ich sagen zu diesen Gefühlen Eueres Herzens? Soll ichdie Freude Euch schildern, mit der ich Hieher gekommen in diese traute Kapelle, umZeuge zu seyn Euerer Verlobung, Euerer Vermählung mit JesuS, dem beßten Bräu-tigame edler Seelen? Ach, eS ist nicht nöthig, erst zu sagen, der Schritt, den Ihrheute thuet, ist ein Triumph für die Kirche, ein Triumph für die heiligen Engel, einTriumph für JesuS selber. Oder soll ich Euch Neueingekleideten auseinandersetzen, aufwelche Kennzeichen Ihr während des Noviziates zu achten habet, um die Wahr-heit deS klösterlichen Berufes daraus zu erkennen? Soll ich Euch, die Ihr heute EuereGelübde ableget, Euere Verpflichtungen vor Augen halten? Auch nicht; denn