Ausgabe 
12 (28.11.1852) 48
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das Alles ist Euch schon an's Herz gelegt worden und wird Euch noch oft wiederholtund zwar nachdrücklicher und salbungsvoller, als ich eS könnte. So lasset mich dennvon dem Allem schweigen; lasset mich Euch nnr erinnern an ein Wort, ein Wort desTrostes und der Ermunterung, das der göttliche Heiland im heutigen Evangeliumausgesprochen!Nehmet mein Joch aus euch, sagt er, und lernet von mir,so werdet ihr Ruhe finden für euere Seelen!" Verehrte Schwestern inChristus! Ihr nehmet Jesu Joch auf Ench, daö Joch, der Armuth, deö Gehorsams,der Reinheit, der Jugendbildung, und dieseö Joch hält die Welt für ein schweres,drückendes Joch; sie träumt von Seufzern, womit die unglücklichen Schlachtopfer inKlöstern ihre Sclaverei beklagen; sie tränmt von Klagen, womit sie ihre Einsamkeiterfüllen; sie träumt von Thränen, womit sie den Verlust ihrer Selbstständigkeit be-weinen; aber nein, Ihr werdet eS erfahren, nicht die Welt hat Recht, JesuS hat Recht,wer von ihm lmiet, dem Armen, dem Gehorsamen, dem Reinen, dem Freunde derKinder, der wird Ruhe finden für seine Seele.

Ja, Ruhe werdet Ihr finden für Euere Seelen. Denn Ihr wolletentsagen den zeitlichen Gütern, Ihr wollet Nichts mehr als Eigenthum besitzenund zufrieden seyn mit dem, was fremder Wille Euch anweiset zur Wohnnng, Nah-rung und Kleidung. So verzehren Euch denn nicht mehr die nagenden Brodsorgen,eS verwirren Euch nicht mehr die Familienangelegenheiten, eS ziehen Ench nickt mehrdie Bestrebungen um Geld und Gut zur Erde nieder; denn eine Mauer, eine Scheide-wand trennt Euch von dem Mammon der Erde. O süßcr, seliger Friede, der auSsolcher LoSschälung von zeitlichen Dingen sich entwickelt! FranciScus, dessen Festdie Kirche heute feiert, hat ihn empfunden diesen seligen Frieden! Dort in Italien ,in der Kirche von Assisi befindet sich ein sinniges Gemälde, und dieses Gemälde stelltJesum dar im Verklärungsglanze, wie er dem heiligen FranciScus die Hand einerJungfrau darbietet und wie FranciScus ihr den Verlobnngsring an die Finger steckt.Die Braut ist lichtnmflossen und mit Rosen bekränzt, ihre Augen find voll sanfterKlarheit, um ihren Mund schwebt ein anmuthiges Lächeln; aber ihr Gewand ist grobund zerrissen, ihre Füße sind wund und bluiig. Sie wandelt auf ranhcn, beschwer-lichen Wegen über Dornen und Felsenstück? dahin, und die Wcltkinder mißhandeln sie,werfen sie mit Steinen und überschütten sie mit Verwünschungen und Schlägen. DieseJungfrau, werdet Ihr fragen, wer ist sie? Es ist die heilige Armuth. Mit ihr hatFranziScus sich verbunden; sie hat er zur Lebensgefährtin sich erkoren, und so hat erjenen süßen Frieden gefunden, den er selbst als eine Frucht der Armuth mit den Wor-ten begrüßte:DaS ist'S, was ich suchte, das ist's, was ich von Herzen wünschte!"Und als sein Vater ihn enterbte und als er selbst seiner weltlichen Kleider sich ent-äußerte, da erkannte er, welch' eine Tiefe göttlichen Friedens in dieser Selbstberaubungliege, da brach er in die denkwürdigen Worte auS: Bis zur Stunde habe ich meinenleiblichen Vater wohl Vater genannt; aber von mm an kann ich mit ganzem, vollemRechte den lieben Gott meinen Vater nennen. Ahnet Ihr, geliebte Schwestern, wasin diesen Worten liegt? Wer arm ist aus Liebe zu JesuS, dem in Armuth Gebornen,dem in Armuth am Kreuze Gestorbenen, dem in Armuth in ein sremdcs Grab Geleg-ten, der wird Jesu ähnlich, er kann ihn mit besonderem Rechte seinen Bruder undGott seinen Vater nennen; er kann freier, leichter, ungehinderter sich zu Gott erheben,und in dieser Hingabe an Gott findet er den Frieden, den die Welt nicht kennt, denFrieden, der allen Begriff übersteigt.

Ruhe werdet Ihr finden für Euere Seelen. Denn Ihr wollet, Ihrmüsset fortan in unbedingtem Gehorsam leben. Es ist das ein Gehorsam der That;denn waS immer die Oberen befehlen, Ihr müsset es erfüllen; es ist das ein Gehor-sam deS WillenS; denn würdet ihr bloß äußerlich die Befehle vollziehen, so wäreeS ungenügend; auch den eigenen Willen müsset Ihr verläugnen, dem eigenen Willenmüsset Ihr absterben und in dieser Verläugnung, in dieser Erstorbenheit des eigenenWillens müsset Ihr auch in beschwerlichen Dingen Euch unterwerfen; eS ist daS end-lich ein Gehorsam des Urtheiles; denn auch die Urtheile Eueres Verstandes müsset