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Ihr zurückdrängen. Eueren eigenen Ansichten müsset Ihr entsagen, Euer eigenes Urtheilmüsset Ihr unterordnen dem Urtheile Euerer Oberen. Und diese Unterwerfung, dieserrückhaltslose Gehorsam ist cS dann, der den gefährlichsten Feind in Euch, die Selbst-sucht, ertövtet und zur nothwendigsten Tugend, zur Selbstverläugnung, Euchführt. Was eS heiße, sich selbst verläugnen, das könnet Ihr am besten einsehen, wennIhr bedenket, was es heiße, einen Anderen verläugnen. Jemanden verläugnen heißtso thun, als kenne man ihn gar nicht, um ihn keine Sorge tragen, sich um ihn nichtbekümmern. Wer sich selbst verläugnet, der verfährt gerade so mit sich selbst, mit sei-nen Ansichten, mit seinem Willen, mit seinen Neigungen. Und das ist eben die Fruchtdes Gehorsams! St. Franciscus, dessen Fest wir heute feiern, war überaus er-finderisch in Werken äußerer Abtödtung; er trug ein rauhes Gewand; er schlief ge-wöhnlich auf bloßer Erde; seine spärliche Nahrung vermischte er nicht selten mit Äsche.Groß und erhaben sind diese äußeren Werke der Buße; aber größer noch und erhabe-ner, als sie alle miteinander, ist ein einziger Act der inneren Selbstverläugnung. „Istunser Streben, sagt ein großer Gcisteslehrer, daraus gerichtet, unsere unordentlichenNeigungen abzulödten und unseren Willen auch in den kleinsten Dingen zn brechenund zu vernichten, dann thun wir ein größeres und Gott wohlgefälligeres Werk, alswenn wir durch Fasten und Enthaltsamkeit selbst die Einsiedler der Vorzeit übertreffenund viele tausend Ungläubige und Sünder bekehren würden. Sehet Ihr da, meineSchwestern, waS der Gehorsam Euch bringt! Der Gehorsam, den Euer Stand vonEuch verlangt, ertödtet in Euch die Selbstsucht, er ertödtet die Eigenliebe, und je mehrdie Fesseln der Selbstsucht, der Eigenliebe fallen, desto ruhiger wird das Herz, destotiefer wird der Seelenfriedc, desto freier wird der Geist, desto ungehinderter kann er sichzu Gott erschwingen. Der Gehorsam, den Euer Stand von Euch verlangt, verehrtin Euer» Obern die Stellvertreter Gottes, und wenn Ihr in ihrem Willen den gött-lichen Willen erkennet, so verklärt er Alles, er veredelt Alles, er Heiligel Alles, undso traget Ihr in Euch das erhebende Bewußtseyn, Gottes Willen zu erfüllen.
Ruhe werdet Ihr finden für Euere Seelen. Denn Ihr wollet alsreine Bräute dem Herrn dienen, und darum seyd Ihr Hieher gekommen in dieses Hausder Einsamkeit. Wenn Ihr hinausblicket in die Welt, ach, wie muß Euch werden?Wie muß Euch werden, wenn Ihr die Gefahren in der Welt überschauet? Ge-fahren in den Gesellschaften, wo man gefallen und unterhalten will; Gefahren in denbösen Beispielen, die im Bunde mit verkehrten Neigungen den Menschen fortreißen;Gefahren beim Reichthums, wo man sich ebenso gegen die Verschwendungssucht derEitelkeit, als gegen die Härte des Geizes zu verwahren hat; Gefahren auf öffentlichenSpaziergängen, beim Spiele, bei üppigen Tänzen; Gefahren innerhalb und außerhalbdes Menschen, und zwar Gefahren, welche ihn mit dem Verluste seiner Unschuld, seinerTugend, seiner Seele, seiner ewigen Glückseligkeit, seines Gottes bedrohen. Und all'diesen Gefahren seyd Ihr entzogen! Sagt mir, muß dieser Gedanke Euch nicht mitheiliger Freude, ich möchte fast sagen, mit edlem Stolze erfüllen! Getrennt von denLockungen der Welt könnet Ihr rein und unbefleckt im Schatten des HeiligthumesEuch mit Euerer Seele, mit Euerem Heile, mit der Ewigkeit beschäftigen! ReineSeelen aber haben jenes Zeichen der Auserwählung, welches sie mit den Engeln beiGott seyn läßt, sie frei nnd leicht mit Gott vereiniget; und wie die Engel von Gott geliebt und ausgezeichnet werden, so hat die unsichtbare Schönheit einer reinen Seeleder ewige Gott selbst geliebt und hervorgehoben. Denn wer war seine Mutter, wersein Nährvater, wer seine Lieblingsjüngcr? Waren es nicht jungfräuliche Seelen. Habt-Ihr noch Nichts gehört von der Vereinigung heiliger Jungfrauen im Himmelmit dem göttlichen Lamme, das auf dem Throne sitzt? Heißt es nicht von ihnen, daßsie ein Lied singen, das sonst Niemand singen kann; denn sie sind Jungfrauen, sie sinddie Erstlinge für Gott und das Lamm, unter den Menschen losgekauft? Man solltedoch meinen, die Engel dürften dieses Lied mitsingen! Aber nein; die Engel habenzwar die Jungfräulichkeit, aber den Kampf haben sie nicht; die Reinigkeit der Men-schen dagegen ist die Frucht ihrer Treue, ihres beständigen Kampfes. Sehet da, ge-