Ausgabe 
12 (12.12.1852) 50
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demselben Daß Christus nackt, wenigstens nur mit Bekleidung der Lenden gekreuzigtwurde, muß aus dem Umstände, daß die Kreuziger sich in seine (Ober- und Unter-)Kleider theilten, gefolgert werden. Auf älteren Gemälden, und in den griechischenKirchen erscheint er bekleidet am Kreuze. Auch der heilige Gregor von TourS schreibt,daß in der Nähe der Stadt Narbonne eine Kirche sey, in welcher der gekreuzigte Chri-stus in eine Art Leinentuch eingehüllt sey.

Die Form der ehedem zur Kreuzigung verwendeten Kreuze war dreifach: dassogenannte Andreaskreuz (X), das Kreuz, welches durch die Befestigung eines Quer-balkens über dem aufrechten Balken gebildet war (I') und endlich das Kreuz, wiewir eS bei der Abbildung des gekreuzigten Erlösers zu sehen gewöhnt sind. Daß dieletztere Form bei Christus wirklich angewendet worden, geht auS Stellen der heiligenJrenäuS, Augustin, Gregor von Nyssa u. a. hervor, in welchen sie ausdrücklich vondieser Kreuzform reden. Eine so allgemeine Uebereinstimmung, wie sie in der Ab-bildung deS Kreuzes Christi besteht, setzt auch nothwendig eine thatsächliche Ueber-lieferung voraus, die obenein in dem von der heiligen Helena wieder aufgefundenenKreuze eine neue Begründung und Stütze finden mußte.

Auf sehr alten Bildern sieht man Christus mit vier Nägeln an das Kreuz ge-heftet, und diese Kreuzigungsweise haben bis auf den heutigen Tag die französischen Bildhauer und Maler beibehalten; wohl nicht mit Unrecht, denn sie ist durch dasAlter geheiligt. Zudem schreibt Gregor von TourS, und schon der heilige Cyprian ,daß zwei Nägel die Hände und zwei die Füße des Heilandes angeheftet hätten. Aufvielen Kreuzen sieht man ein Stück Holz, als Stütze für die Füße des Gekreuzigten,angebracht. Hicvon weiß man vor dem sechsten Jahrhunderte nichts. Es war nichtSitte, die Füße der Gekreuzigten zu stützen, wohl aber ein Holz, auf welches derGekreuzigte rittlings zu fitzen kam, in das Kreuz einzuschlagen, um das AuSreißen derHände zu verhindern.

Christus am Kreuze hat eine Dornenkrone, um anzudeuten, daß er der kurz vor-her mit Dornen gekrönte König der Juden sey. Gregor, mit dem Beinamen derTheolog, schreibt, daß Christus wirklich eine Dornenkrone auf dem Haupte gehabt habe,und in einem Gebete, das Gregor dem Großen zugeschrieben wird, heißt es:Ö HerrJesus Christus, ich bete dich an, der du am Kreuze hängst und eine Dornenkroneauf dem Haupte trägst." Auch Tertullian sagt, daß Christus eine Dornenkrone amKreuze getragen habe. Auf älteren Bildern vermißt man die Krone, auf andern hatder Erlöser eine Königskrone. Einige Kirchenschriftsteller tadeln jene Maler, welchedie Dornen bis in den Schädel und das Hirn Christi eindringen lassen, weil eS inder Schrift heißt:Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen." Der Sinn dieser propheti-schen Worte kann übrigens unmöglich so weit ausgedehnt werden. Tertullian schreibt,daß die Schläfe des Herrn durch die Dornen der Krone beschmutzt und aufgerissenworden seyen.-

Früher erschien Christus am Kreuze lebend, mit offenen Augen, die Füße neben-einander angenagelt, und erst vom zehnten oder eilsten Jahrhunderte an verscheidendoder todt und zwar mit 'niedergesenktem Haupte, gegen das sechszehnte Jahrhundertbeide Füße mit Einem Nagel durchbohrt. Vielleicht erst seit Michael Angelo wirddas Haupt nach hinten gesunken, mit offenem Munde dargestellt.

Ju den Offenbarungen der heiligen Brigitta heißt es, daß die Mutter Gottesohnmächtig neben dem Kreuze niedergefallen sey. Auf den meisten Bildern sieht man sieschmerzenvoll, ja in Thränen zerfließend, wie eS denn auch in jenem unvergleichlichenHymnuS auf die schmerzhafte Mutter heißt:Stakst m?tvr tc"

Christi Mutter stand in Schmerzen

Bei dem Kreuz, und weint von Herzen,

Als ihr lieber Sohn da hing.

Durch die Seele voller Trauer,

Seufzend unter Todesschauer,

Jetzt>5'a, Schwert de« Leiden « gticg?