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In der jüngsten General-Versammlung des Gustav-Adolph-VereineS, in welcherso viele Redner Feuer und Flammen gegen die Kirche spieen, trat auch der bekannteresormirte Prediger Hr. Ferencsik aus Ungarn mit vielen und schweren Klagen inHinsicht der höchst betrübten Lage und Umstände der ungarischen Protestanten auf.Die Redaktion der „Kirchenzeitung" sprach deßhalb den Wunsch auS, daß Jemand ausUngarn seine Klagen gehörig würdigen oder beleuchten möge. Da nun dieser Wunschbisher unberücksichtigt blieb, so will ich zur Feder greifen und der besagten Aufforderung,so gut ich eS vermag, nachkommen sine ira et stuäio. — 1. Hr. Ferencsik schlägtdie Zahl der Protestanten in Ungarn vor Allem viel zu hoch an, und wenn er auchUngarn im vormärzlichen Sinne nimmt und dazu auch die Socinianer in Siebenbürgen rechnet. Der bekannte ungarische Statistiker F6nyes ist auch selbst eifriger Protestantund hat noch nie so viele Protestanten herausgebracht, als Hr. Ferencsik. — 2. Müssenwir auch Protestiren gegen die vorgeschützte große Armuth der Protestanten in Ungarn in Hinsicht ihrer Kirchen und Schulen. Ihre Stiftungen zu Debrezin, Ssros-Patak,Oedenburg, Kecskemet, Leutschau, Käsmark , Papa, Komorn, Pesth zc. ic. sind groß;und wenn sie erst gewissenhaft wären verwaltet worden! Es ließen sich aber Bücherschreiben, wie man damit z. B. in Debrezin, Säros-Patak wirthschaftete, Tausendeohne Hypothek auS lauter Rücksichten geborgt, wie man die Zinsen nie eingetrieben,wie man mit einem Worte „more pstric," gehauset hat. WaS hätte eine katholischereligiöse Genossenschaft nicht alles geleistet mit dem, was bei protestantischen Stiftungennicht ausreichte? — 3. Hatten die Protestanten im Vormärz in Ungarn gewiß diegrößte Freiheit in Hinsicht der Kirche und Schule. Die Beschlüsse der PreßburgerNational-Synode sind heute noch nicht genehmigt, und eS kostete dem sel. PrimasRudnay unendlich viel, die Erlaubniß dazu zu erhalten, uud die Bischöfe fanden sogarHindernisse in der Einführung der Katechismen in den sogenannten Normalschulen,während die Protestanten Convente über Convente hielten, ihre Schulen frank undfrei nach Belieben organisirten und machen konnten, was sie wollten, ohne nur irgend-wo anzufragen. Während die katholischen Schulbücher, voll Josephinischen Geistes,stereotyp waren, und überall ohne Ausnahme streng gehandhabt wurden, konnten dieProtestanten lehren und lernen, was und wie sie wollten, und kein Hahn krähte dar-über. Und welche Stirn gehört dazu, um öffentlich vor ver Welt zu behaupten, daßdie Lesung protestantischer Bücher in Ungarn höchst verpönt war. Gerade in Ungarn herrschte ja in dieser Hinsicht die zügelloseste Freiheit. Der „Kanonische Wächter" un-seligen Angedenkens und die Schriften aller Katholikenfresser waren ja gerade in Un-garn am meisten verbreitet. Während z. B. in Wien die Polizei die Buchhandlungenüberwachte, war „im freien Ungarn " in dieser Hinsicht gar keine Aufficht, — undwer hätte sie auch gehandhabt? Vielleicht die Stuhlrichter oder die Stadthauptleute?Die hielten eS ja unter ihrer Würde, sich mit Büchern abzugeben. Nur ein Beispiel.Diejenigen, die die „Worte eines Gläubigen" hätten confisciren sollen, verbreiteten die-selben am eifrigsten. Und wie war die Presse in Ungarn in den letzten Jahren beialler Censur so ganz ohne Beschränkung? Es wurden in Ungarn selbst die revolutio-närsten Werke gedruckt, man konnte eS mit der Hand greifen, wo, und sie wurdendennoch überall verbreitet. Herr A. T. Wimmer, Prediger von Oberschützen , verglichin der ungarischen protestantischen Kirchenzeitung die Prälaten der ungarischen Kirche,mit den „ großköpfigen, ägyptischen Zwiebeln, nach denen die Juden so lüsternwaren ic. zc." ohne Scheu; in GünS erschienen Bilderbücher, in welchen die kathol.Kirche mit Wort und Bild auf das ärgste verhöhnt wurde, und das betreffende Or-dinariat bekümmerte sich darum nicht im Mindesten, obwohl mehrere Seelsorger dar-über ex oklö klagten. Lutherische Bibeln wurden in ungarischer und deutscher Spracheden Katholiken um wahre Spottpreise aufgedrungen, und man ließ eS ungehindert