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Papst Clemens XI., sehr viele apostolische Missionäre nach Aethiopien (Habyssinien)gesendet, dort das Evangelium Jesu Christi zu predigen. Man suchte auf verschie-dene Weise daselbst Eingang zu gewinnen, aber die cmgränzenden barbarischen Völker-schaften wußten es immer zu Verbindern, bis Pr. P. LiberatuS Weis, apostolischerPräfcct, ein Zöglina der österreichischen Provinz, mit seinen Gefährten, P. Michaelvon Zerbe und P. Samuel von Biumo, im Jahre 1711 die Reise durch das rotheMeer versuchte. Nachdem sie bis zum folgenden Jahre außerordentlich große Gefahrenzu Land und Wasser bestanden hatten, beiraten sie glücklich die Hauptstadt (Aethio-piens) Gondar. LiberatuS begab sich ohne Zögerung zum Könige, dessen Name inunserer Sprache „der Gereckte" hieß, und legte ihm in geheimer Audienz die Ursacheseiner Ankunft dar. Der König nahm ihn auch sehr liebevoll und günstig aus, ver-sprach ihm sowohl Sicherheit als auch seinen besondern Beistand, jedoch verbot erihnen das öffentliche Predigen deS katholischen Glaubens, denn er fürchtete daS Volk,welches sehr zum Aufruhr geneigt war. Er ermähnte sie, Eile mit Weile einzuhal-ten, denn, setzte er bei: Gott hat ja auch die Welt nicht, wie eS in seiner Machtstand, in Einem Augenblicke, sondern in einem Zeiträume von sechs Tagen erschaffen.Während nun die Missionäre in Gondar verweilten, nahm offenbar mit jedem Tagedes Königs Neigung zu ihnen zu, denn er schätzte sie so sehr, daß er mit wahrhaftköniglicher Freigebigkeit ihre Lage zu verbessern suchte, indem er ihnen Besitzungen undjährliche Einkünfte antrug. Die Missionäre lehnten aber diese Geschenke standhaft ab,indem sie erklärten, solches wäre gegen ihren apostolischen S'and, und gegen dieheiligste Armuth, welche sie nach ihrer Ordensregel angelobt. Der König bewundertediese uneigennützige Gesinnung, lobte sie insgeheim und öffentlich, und schwur sogar,er werde sie nicht blos mit seinem königlichen Ansehen, sondern auch mir seinem Blutevertheidigen. Bisher blieben die Patres unangefochten. Sie hatten im Stillen schonEinige zum Glauben bekehrt, die größten Hindernisse schienen mit Hilfe des Königsüberwunden. Aber dennoch gestaltete sich bald die Lage ungünstig: der Krieg der Höllegegen den Himmel will nie ein Ende nehmen. Einige niederträchtige und verdorbeneMenschen, vom Vater deS NeideS, dem Teufel, getrieben, streute» den Samen derZwietracht auS, indem sie durch schlechte Reden und Predigten daS Volk verkehrten.Man redete den einheimischen Mönchen, welche eine sehr große Gewalt haben, undden Hochgestellten des Reiches ein, diese Missionäre seyen die größten Feinde derMarienvcrehrung, sie bereiten'das ungesäuerte Brod, welches beim heiligen Meßopferconsecrirt werden soll, aus dem Marke eines HnndeS und dem Gehirne einesSchweines, in Kurzem werde sicher das ganze Königreich von diesen Ungläubigenin Verwirrung gemacht werden, da der König ihnen in Allem folge; ja, n'enn dieZahl ihrer Glaubensanhänger sich noch vermehre, so werden sie selbst die Herrschaftan sich reißen. Diese und andere ähnliche läppische Lügen streute man geschäftig aus,und schmiedete schon Pläne den König zu vertreiben. DaS ohnehin r^he Volkbemächtigte sich mit warmem Eifer dieser Angelegenheit, und fing Aufruhr zu erregenan. AIs der König davon Nachricht erhielt, wollte er für die Sicherheit und dasLeben der Missionäre Vorsorge treffen. Er befahl ihnen, unter starker Bedeckung ineine entfernlere Gegend sich zu begeben, indem er sie wieder zurückrufen werde, wennder thörichte Ungestüm deS Volkes sich gelegt haben würde. Aber der gottlose Pöbelwar damit nicht zufrieden, ja die Abwesenheit der Missionäre, anstatt die Gemütherder Bösen zu besänftigen, erbitterte sie nur noch mehr. Im Anfstcmde wurde aucheine Verschwörung angezettelt, und dem Könige, wie die Rede aing, Gift beigebracht.Es ergriff ihn plötzlich in Folge dessen eine erschreckliche Lähmung, so daß seinKörper ihm j-den Dienst versagte, und er als untauglich der Regierung entsetzr, unddurch seine Hausgenossen schmählich vom Hofe entfernt wurde. Inzwischen ward einJüngling mit Namen David zum Könige ausgerufen. Dieser gab auS Furcht demWüihenben Begehren des Volkes nach, rief die abwesenden Missionäre am 27. Febr .1716 nach Gondar zurück, und ließ sie dort, mit Ketten beladen, in einen Kerkerwerfen. Am 2. März stellte er sie cssentlich vor eine Versammlung, der Großen des