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die Ehrenhaftigkeit des Kaisers Rico laus, ja getraute dem Czaren eine Missionzum Schutze Europas gegen die Revolution und rothe Demokratie zu. Die neuesteorientalische Angelegenheit brachte eine Aenderung hervor, die ohne Zweifel der Kaiserselbst nicht geahnt hat. Europa wandte sich gegen Rußland . Verschiedene wurdenhier offenbar von verschiedenen Beweggründen geleitet. Während den Einen das Mit-leid für den schwächern Theil bestimmte und in dem Andern die Flamme der Revolu-tion wieder aufschlug, entwickelte sich bei einem großen Theile ein großer Argwohn,ob eS mit jenen religiösen Motiven, welche Nußland vorschützte, wahrhaft undernstlich gemeint sey, und wurde zu diesem Argwohn veranlaßt, ja bestärkt in demsel-ben nicht etwa durch bloß confessionelle Interessen, sondern durch geschichtlicheThatsachen, die sich nun einmal nicht läugnen lassen. Seit Peter dem Großen istin Rußland die geistliche und weltliche Macht in der Hand des Einen Kaisers ver-einigt; Polilik und Religion stehen in nächster Verbindung und zwar in dem Verhält-nisse, daß die Religion die Dienerin der Politik ist. Nur ein Blick in dierussische Geschichte, und man findet die Thatsachen und Belege dafür auf jedemSchritt. Die religiösen Verordnungen im russischen Reiche zielen daher immer hinund werden erlassen mit nächster Beziehung auf die politischen Verhältnisse. Diegesammte Organisaiion der russischen Staatskirche spricht dafür. Die Einheit desorthodoxen russisch -griechischen Glaubens wird für das ganze Reich gewünscht, weilsie nothwendig ist für die politische Einheit des Landes. Die Thätigkeiten für denorthodoreeu Glauben sind daher, wie dem blödesten Auge sichtbar wird, nicht aposto-lische, sondern politische Funktionen. Alle diese Grundsätze werden um soschärfer und consequenter durchgeführt werden, je consequenter der Charakter des Kai-sers ist, welcher auf dem Throne sitzt, und wurden demnach, wie bekannt, sowohlden Jnden die Bärte rasirt, als die Protestanten in den Ostseeprovinzen behel-ligt, als die Katholiken verfolgt, — Alles im Interesse des orthodoxen Glau-bens, d. h. der Politik Rußlands . Die daher auch nnr in etwa mit derGeschichte Rußlands bekannt waren, konnten gleich Anfangs, als Menzikoff nachKonstantinopel geschickt und das religiöse Motiv wesentlich in den Vordergrund gescho-ben wurde, nur schwerlich des Argwohns sich erwehren, ob nicht auch hier geradedaS umgekehrte Verhältniß bestehe, und die Politik auf der ersten, die Religion nurauf der zweiten Stelle stehe, und wiederum die Dienerin zur Erreichung anderer undzwar politischer Zwecke seyn müsse. Es kam aber noch ein anderes und sehr wichtigesMoment hinzu. Rußland beschwerte sich darüber, die Türkei habe die Verträgenicht gehalten und wollte für die Zukunft Sicherheit der Verträge. Wie eS in derNatur der Sache lag, fragte man: „Hält Rußland selbst die Verträge?" —Und endlich: Rußlaud beschwert sich über Mißhandlung der Christen in der Türkei und bringt dafür Thatsachen vor. Daher die dritte Frage: „Wie behandeltRußland die Christen in seinem eigenen Reiche?" Stand Rußland in allendrei genannten Puncten nicht völlig rein uno makellos, so konnte es unmöglich Sym-pathien für sich gewinnen. Man fürchtet zudem einen Krieg, man hat ihn Jahrelang gefürchtet; man weiß, daß ein Krieg die großartigsten Verwicklungen, dasnamenloseste Elend für ganz Europa herbeiführen kann. Deßwegen lag eS in derNatur der Sache, daß man die Gründe prüfte, welche einen Krieg herbeiführen soll-ten, und deßhalb auch das Versahren Rußlands einer Kritik unterwarf. Namentlichfanden sich die Katholiken dazu veranlaßt, und leider mußten sie nach vorliegendenThatsachen und geschichtlich beglaubigten Documenten sagen, daß Rußlauv in einerReihe von Jahren in Bezug aus die Katholiken weder die Verträge gehalten, nochden Katholiken im russischen Reiche die Behandlung zu Theil wurde, welche der Czarmit solcher Entschiedenheit für die Griechen in der Türkei verlang!, — daß vielmehrdie Katholiken verfolgt wurden, wie die Christen in der Türkei ; und wenn der KaiserNicolaus Belege vorbrachte, so können dieselben in der umfassendsten Weise katholi-scherseits gegen den Czaren vorgebracht werden. Und alles dieses lenkt die Auf-merksamkeit wieder auf eine Schrift, die bereits der Vergessenheit schien übergeben zu