Ausgabe 
14 (30.4.1854) 18
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große Freudigkeit zum Sterben. Nur ein Beispiel. Eine Frau rief mir bei meinemEintritt den schönen LiederverS entgegen:Freu dich sehr, o meine Seele!";ich mußte mit ihr singen:Christe, du Lamm GotteSz" sie hatte alle ihre Kräftezusammengerafft und sang mit vernehmlicher Stimme mit. Einige Stunden daraufentschlief sie, ohne die Bitterkeit des TodcS sehr zu schmecken. Mich bewahrte Gott wunderbar in dieser Zeit. In dieser schrecklichen Zeit schien in der Gemeinde wie-der Einigkeit zu werden. DaS merkten die unirten Geistlichen, von denen ich leiderringS umgeben bin. Die kamen dann und predigten einstweilen alle vierzehn Tageeinmal. Einen Prediger wollte ihnen die Synode nicht geben, weil sie sich damitgar zn sehr in Schande gesetzt hätten, sie sagten aber nebenbei zu solchen, die nochnicht zu ihrem Verein gehörten, aber doch ihre Gesinnung theilten, hier sey eine Ge-meinde, hier sollten sie hingehen. Und so kam denn, nachdem bereits ein halbesJahr vergangen war, ein solcher Herr. Der gehörte nun bisher zu keiner Synode,ist nicht orvinirt, verrichtet aber doch alle Amtshandlungen. Vom Teufel, sagter, will er nicht predigen, sondern von Christo. Wie gefällt Dir daS? Seine Rotte ist sehr wohl mit ihm zufrieden. Inzwischen hatte meine kleineGemeinde wieder ein Kirchlein erbaut, welches ihr am heiligen Abend zum Theilzerstört wurde. Die Thäter wurden bald entdeckt und von unS vor die Obrigkeitgezogen. Auf vieles Bitten hatte sich leider der Ausschuß der Gemeinde mit diesenschändlichen Kirchenräubern durch eine Gelvbuße vereinigt. Unsere Leute meinten esgut, sie dachten dadurch größerem Unglück zu entgehen. Dem konnten sie jedoch nichtvorbeugen. Einige Wochen darauf lag unsere Kirche in Asche. WaS da für Thränenvergossen worden sind, kannst Du Dir vorstellen. Bald hatten wir den Muth ver-loren. Manche entschlossen sich ihre Plätze zu verkaufen und wo anders hinzuziehen.Weil aber namentlich die Aermeren in diesem Sodom hätten zurückbleiben müssen, soentschlossen sich alle zu bleiben."

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Die christliche Familie wie fie war und wie ste ist.

(Ein Beitrag zur Charakteristik der alten und neuen Zeit.)

DaS Alte ist nicht immer schlecht, weil es alt, und das Neue ist nicht immergut, weil es neu ist eine Wahrheit, von der sich Jedweder, der gesunden Ver-stand und klare Augen hat, überzeugen kann. DaS Alte ist nur dann schlecht, wenn in seinem Principe schon den Keim der künftigen Haltlosigkeit auS moralischenGründen an sich trägt; das neue ist nur dann gut, wenn seine Konsequenzen einesegensvolle Frucht versprechen nnd auch bringen.

Diesen Grundsatz als Maaßstab auf unsere Familie angewendet, muß man auf-richtig gestehen, daß man daS alte Gute verworfen, und das neue Schlechte an dessenStelle gesetzt habe. Zum Beweise berufe ich mich auf die Erscheinungen unserer Zeit.Unsere gnten Vorfahren nach altem Schrot nnd Korn haben den Religionsunterrichtobenan gestellt, denn sie gingen von der Ueberzeugung auS, Religion sey das noth-wendigste Bedürfniß deS Menschen, will er anders ein ehrenvolles Glied der Kirche,und auch ein nützliches Glied des Staates seyn. Jetzt muß nicht selten der Religions-unterricht vor den übrigen profanen Gegenständen in den Hintergrund treten, so daßeS oft den Anschein hat, man halte den Religionsunterricht für eine nicht dringendnothwendige Beigabe. Während man die geschicktesten Tanz-, Sprach- und Clavier-meister besoldet, ist der Unterricht in der heiligen Religion zu Hause verwaiset, oderman überläßt denselben einem Menschen, der eS um ein paar Gulden monatlich anssich nimmt, ein Kind in dem zu unterrichten, was er selbst nicht einmal versteht, unddaS geschieht auf eine so trockene Weise, daß dem Kleinen, von Kindsbeinen ange-fangen, eine Abneigung und ein Eckel gegen jedwede Religion beigebracht wird. Einsolcher Lehrer füllt den Kopf des Kindes mit lauter gordischen Knoten an, die wederer, noch weniger das Kind zu lösen vermag; hingegen wird das Herz immer leererund härter. DaS Kind macht Prüfung der Classe wegen, und ist froh, den Kate-