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Ein bekehrter Züchtling.
Vor Kurzem erschienen im Buchhandel (Münster , Theisfing, 1853) zwei Theile:„Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling", mit einemPorworte von l)r, Albcm Stolz Ohne in den Inhalt näher einzugehen, möge hierin einem gedrängten Auszuge die Lebensgeschichte des Verfassers derselben Platz finden,denn sie ist lehrreich.
I. M, Hagele (so heißt er) war Privatlehrer. Im Jahre 1843 studierte er ander katholischen Hochschule zu Freiburg und 1846 zu Heidelberg , um sich auf daSLehrsach vorzubereiten. Als die revolutionäre Bewegung im Jahre 1348 begann,nahm er innig und verzweifelnd daran Theil, schwärmte für eine deutsche Föderativ-Republik, machte den badischen Freischaarenzug mit, und wurde, da dieser fehlschlug,politischer Flüchtling. Obwohl im October desselben Jahres amnestirr, bctheiligte ersich zum zweiten Male an der Revolution, indem er beim Maiausstande 18^9 mit-wirkte. Bei Ankunft der preußischen Truppen verhaftet lebte er sieben Monate alsKriegsgefangener, bis er von dem ordentlichen Gerichte auf acht Jahre Zuchthausverurthcilt wurde. In das Zellengefängniß nach Bruchsal versetzt, blieb er daselbstbis April 1852, wo ?r von dem verstorbenen Großherzog Leopold auf seine dritteBittschrift begnadigt wurde.
Mit seiner äußeren Geschichte steht seine innere im engsten Zusammenhange.AIS Katholik geboren, verlor er schon in seinen JünglingSjahren seinen Glauben anChristus, den Gottessohn. „Ich glaube, (so gesteht er) während meiner ganzenStudienzeit kaum Einmal recht vorbereitet zur Beicht und würdig zum Tisch deSHerrn gegangen zu seyn." Trotz seines Unglaubens wir er ernstlich gesonnen, einDiener der Kirche zu werden. „Ich entschied mich (sagt er) für gar kein bestimmtesFach, und studirte, als ob ich Rothschilds leiblicher Sohn wäre, während ich wochen-lang keinen Knopf in der Tasche trug, hörte philosophische, juristische, philologischeund theologische Vorlesungen." In letzteren gefielen ihm die Ketzer am meisten; alleinden großen Reformator Rouge, den er mit hohen Erwartungen beim Concil „amSäubach" (in der Nähe von Konstanz ) sah und hörte, fand er sehr unbedeutend, jadessen Heuchelei brachte ihn zur entschiedenen Opposition gegen den DeutschkatholiciS-muS. „Ich blieb Katholik dem Namen nach, wurde geistig immer mehr zum Heiden.Ich war geboruer Katholik und kannte Christum nicht; ein persönlicher Gott war fürmich zum großen Unbekannten geworden." — Die geschichtlichen Vorträge gelehrterund geistvoller Protestanten wirkten ties auf sein Gemüth und seinen Verstand ein,uud während der Revolution wurde er durch Thatsachen an die Existenz eines persön-lichen GoticS gemahnt. Die u.noen Fragen der Kinder, welche ihm zum Unterrichteanvertraut waren, machten ihn nachdeuklich, und alö er mit diesen einst dem mitte»nächtlichen GottcSdic^i'!^ zu Weihnachten beiwohnte, fühlte er sich nach langen Jahrenzum ersten Mal zum Gebete hiugcrisseu. In der Kriegsgefangenschaft mahnte ihn derTod seines standrechtlich erschossenen Jugendfreundes fortwährend an daS Jenseits undan das Elend dieser Erde. „Gott bestrafte (so erzählt er selbst) den Hochmuth derRevolution im Großen, an mir im Kleinen. Acht Jahre Festung würden mich beiweitem nicht so erschüttert haben, wie acht Jahre ZuchthauS ; die Richter trafen damitmeinen Stolz noch weit mehr als meine Schuld. Im einsamen Vorarreslc glaube ichdie GeburiSwehen eines neuen Menschen in mir durchgemacht zu haben, und habeich in meinem Leben jemals im Gefühle meiner Ohnmacht um GotteS Schutz undErleuchtung von Oben inbrünstig gefleht, so geschah eS damals. Die Zuchthausstrafewar die Pf,rd.kur, welche der erbarmende Gott bei mir anwenden mußte, wenn ichnicht zeitlich und ewig verloren gehen sollte. Ohne die Revolution wäre ich vielleichtnie zur Religion gekommen." — Die vielen Geschichten der Zuchthäusler überzeugtenihn, daß der Mangel an positivem Christenthum Hie erste Quelle deS Unglückes allerMenschen sey. Vom Nützlichkeiispn'ncip der Zcit iirch immer durchdrungen erschienihm das Christenthum als die wahre NützlichkeitSreligion, und den Katholicismus als