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vollendetste Form deS Christenthums längst betrachtend, fand er in der Befolgung derLehren desselben auch das Geheimniß des zeitlichen Glückes, die einfachste undgroßartigste Lösung der socialen Ausgabe. Nebst den Erzählungen gemeinerund politischer Perbrecher machten ihn auch das Lesen guter Bücher und die Unter-redung mit Geistlichen immer mehr nachdenklich. „Gott schien mich an den Haarenzu sich reißen zu wollen, im Zuchtbausc mußte ich gezwungen den guttcSdienstlichenUebungen fleißig anwohnen." — Doch vollendete sich die Bekehrung erst in der ein-samen Zelle zu Bruchsal . „Die Einsamkeit (so schildert er sie selbst) hielt eindring-liche furchlbare Reden an mich, der alte Mensch fing mit dem neuen in mir immerärgere Hände! an; ich dachte unter TagS und in der Nacht an mich, suchte dieRäthsel meines Schicksals zu lösen, und wurde täglich mehr überzeugt, welcher Burschich eigentlich bisher gewesen, und wie wenig eS mein eigenes Verdienst sey, niemalseine an sich entehrende That begangen zu haben. In einem Hausgcistlichen lernte icheinen sehr gebildeten Mann kennen, der vor meinem Bücherkram keineswegs ver-stummte, und in ihm gleichzeitig einen Christen, wie ich bisher noch keinen kennengelernt hatt-e. Immer lebhafter erwachte in mir das Bedürfniß eines positiven Ver-hältnisses zu Gott, die Sehnsucht nach Wahrheit, erleuchtender und beseligenderWahrheit. Vom leiblichen Schmerz gefoltert hinkte ich an einem Krückenstock elendig-lich und von den Menschen verlassen im Zuchthause herum. Wiederum las ich katho-lische Bücher, und ich sah ein, daß Christus der Mittelpunkt und Wendepunct dernatürlichen und übernatürlichen Welt, des Dießsciis uud Jenseits sey. Eine neueEroe, eine mue Geschichte der Menschheit, ein neuer Himmel eröffnete sich mir inemer kleinen Zelle deS neuen MänuerzuchthauseS zu Bruchsal ."
So endet die lehrreiche Selbstbiographie deS ehemaligen Züchtlings. Der Be-kehrte scheute sich nicht, seine Fehler und Schwachen vor dem großen Publicum zngestehen, und eS leitete iyn dabei die redliche Absicht, das Christenthum, das er sotnnge verrannt, in seinen Mitmenschen zn fördern. Seine Geschichte zeigt im Kleinendie großen Schäden uud Wunden der gesellschaftlichen Zustände unserer Zeit, nnd diewunderwirkcndc Kraft des heiligen katholischen Glaubens. Ja wahrlich- „Langsamund allmälig wächst der Mensch im Guten, rascher und reicherim Bösen."
Rom , 2. April. Wie bekannt, gibt eS nicht bloß in Reui selbst, sondernauch in der Umgegend gar manches ehrwürdige Denkmal der christlichen Vorzeit,und viele dmch merkwürdige Ereignisse geheiligte Orie. Nichts ist aber erfreulicher,als unter den Denkmalen, die unö den lebendigen Glauben der Vergangenheit bezeu-gen, von Zeit zu Zeit sich neue, die das Forllel'en dieses selben Glaubens bekunden,erheben zu sehen. Eben jetzt, da die Umstände der Zeit solchen Unternebmungen'amwenigsten günstig zu seyn scheinen, hat dennoch die Gründung eines solchen Heilig-lhumes auf eine Weise begonnen, über welche einige nähere Nachrichten nicht unwill-kommen seyn möchten. In dem Zweige dec Appeninen, der sich zwischen den uraltenStädten Tivoli und Paläftrina hinzieht, ragt die Bolturella über alle anderenBcrge hervor. Man überschaut von der Spitze aus nicht blos die Ebene, in derRom gelegen ist, sondern auch das Gebiet der Samniter, Sabincr, Abruzzen, dasganze alte Latium nnd die Fläche des lyrrhenischen MeereS. Armes Hirtenvolkbewohnt den fast kahlen Rücken dieses Berges, wenige Felder mit großer Anstrengungbebauend, und ihre Hcerden an den steilen Abhängen weidend. Auf der Höhe, etwaeine kleine halbe Stunde unter dem Gipfel, steht eine vom heiligen Sylvestererbante Kirche, und auf der Spitze deS Felsens, der sich über dieser Kirche erhebt,eine kleine Capelle, die dem heiligen EustachinS geweiht ist. Denn eS war an'dieser Stelle, wo dem heiligen EustachinS der Hirsch mit dem Kreuze zwischen den