Ausgabe 
14 (14.5.1854) 20
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153
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Vierzehnter Jahrgang.

Sonntags-Beiblatt

zur

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Augsburger Pojheitung.

14. Mai 2V. 1854.

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DaS Armenwesen vom katholischen Standpuncte betrachtet.

Zweiter Artikel.

1. Die Kirche sey frei. Nur dann wird die Noth sich beseitigen lassen,wenn sich der LebenSbaum ungehindert entfaltet, unter dessen Schalten auch derArme und Verlassene, der Bedrückte und Schwache sich flüchten und Erquickungfinden kann. Ein Staat, der eifersüchtig die Kirche knechtet, unterbindet das Leben,das auf einen großen Theil seiner Einwohner übergehen sollte. Alle Plane deSStaates, ohne dieses erste und oberste Prstulat einzugehen, sind ein Tropsen Süß-wasser im bitteren Meere dieses Lebens. Von den Frühlingstagen der Kirche an mitihren nicht kurze Zeit fungirenden Diaconen, den Armen- und Krankenhäusern zuChrysostomuS' Zeiten bis heraufzum Armen Christi" (il poverello del Llnisto),der die Armuth selbst nach des größten Dichters Ausdruckals die in der Well zu-rückgelassene verwittwete Braut deS großen Einen, des Goltmenschen, vor dem himm-lischen Vater sich angetraut", und seinen Gleichgesinnten ist es ein großes Wort,welches die Armen hörten und fühlten:In der Kirche ist Heil." Institute,hervorgerufen von Theresia von Jesu und Johannes vom Kreuze, den Fiirbittern undTröstern in allem Leiden der Welt, von JgnatiuS von Loyola, dem Lehrer gegenalles Uebel deS LeibeS und der Seele, von Johannes von Gott , dem Pfleger derKranken und Irren, von CamilluS von Lellis , dem Beistande der Sterbenden, vonJoseph Calasanctius , dem Lehrer der Verlassenen, von HieronymuS AemilianuS, demErzieher der Waisen, von Franz von Sales , dem Pfleger der Andacht, von Vincenzvon Paula, dem Bekehrer der Irrgläubigen und Adwender alles Uebels dieser Welt,von Johannes de la Salle, dem Gründer der Schulbrüver, von Angela Merici , derGründerin der Schulschwestern, von AlphonS von Liguori, dem Lehrer des Volkesu. A. m. könnten über die Wahrheit dieses Satzes Beweis seyn, so wie für die großeThatsache, daß Christus, die ewige Barmherzigkeit, mit demselben Charakter seineKirche ausgerüstet und sie als das Asyl aller Hilfsbedürftigen der Welt gegeben hat.Von ihrem Blühen, welches von der Freiheit derselben wesentlich bedingt ist, hängtauch diese ihre Wirksamkeit ab, sie kann verkümmern, wenn von ihrem liebevollenHerzen ihre am Meisten gepflegten Kinder hinweggenommen oder Vorschriften gewalt-sam aufgedrungen werden, die ihren Weg hemmen; over sie kann den Reichthumihrer Schätze ungehindert entfalten, wenn ihr die von ihrem göttlichen Stifter ver-liehenen Rechte und Befugnisse unvcrkümmcrt belassen werden, und unter dem SchutzedeS weltlichen Armes" jede feindselige Störung ferne bleibt. Die Gewalt hat nichtnur allein das organische Leben der Kirche alterirt, sondern sie auch an Gütern dieserWelt arm gemacht; im Verbände damit ist nicht nur die Kirche in ein gehässigesLicht mit ihren besten Tendenzen gekommen, sondern der eigentliche Beruf für dieArmenpflege auch negirt und dieser von ganz anderen Einflüssen abhängig gemacht