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Um halb eilf Uhr folgte die Taufe der für die Capelle bestimmten Glocke. Ihrweißes, blumendurchwirkteS Taufkleid ist die erste Arbeit der bereits ausgenommenenZöglinge. Den Tausact verrichtete vorschristgemäß der hochwürdige Guardian derVäter Eapuciuer in Bregenz . Sie erhielt die Namen Elisabeth« FranciSca Joseph«.Bei ihrem ersten Laut fielen alle Anwesenden auf die Kniee, Gottes schirmende Gnadeüber Ihre Majestäten herabflehend, gleichwie daS neue Haus unter den Schutz derjungen Kaiserin stellend, sie als Schutzfrau anerkennend, versprechend bei dem jedes-maligen Ruf der Elisabeth« für Allerhöchstdieselbe ein Gebet zu sprechen, welchesseine Segnungen über das gesammte Kaiserhaus verbreiten wolle.
Nachmittags um drei Uhr ließ die neu Getaufte ihre liebliche, beruhigende undemporhebende Stimme über Flur und See, durch Wald und Gebirg ertönen. IhreKlänge waren der Ruf, welcher Fremde und Einheimische, geistliche und weltlicheAutoritäten, Personen jeden Geschlechtes und jeden Ranges wieder nach der Capelleleuete. Die neuen Zöglinge wurden durch solche, die vor Jahren schon «uS den An-stalten des Ordens ausgetreten waren, die aber in dankbarer Liebe fich eingesundenhatten, an die Stufen des Altares geführt, wo eine Ehrenbank für sie bereitet stand;hinter ihnen war den freudig bewegten Eltern ihr Platz bereitet. Ein feierlichesVeni ersstor wurde angestimmt, wobei ein neuer Flügel die Stelle der noch nichteingetroffenen Orgel versah. Mit Inbrunst flehten die frommen Frauen um die Gnadedes heiligen Geistes für sich und die theuere ihnen anvertraute kleine Heerde. Undwie hätte von allen Anwesenden auch einer nur theilnahmsloS bleiben können bei derergreifenden Rede des Herrn Domdechant Greith von St. Gallen, dem die Wortevon den Lippen strömten gleich einem ChrysostomuS I — Rührend war der Schluß-moment, als die Kleinen, zu dem göttlichen Herzen hingreifend, die Gemüther zu derAhnung emporhoben, diese hehre Kunde sey der Keim einer gedeihlichen Zukunft,das Pfand neuer Gnaden. Kein Auge blieb trocken, und auS dem Antlitz der Mütterleuchtete die Ueberzeugung, für ihre Liebe den bessern Theil erwählt zu haben. DieseStimmung froher Zuversicht steigerte sich unter dem durch den hochwiirdigsten HerrnBischof von St. Gallen feierlich ertheilten Segen. Man mochte ihn dem frommenSimeon vergleichen, aus dessen verklärtem Blick das nuno tlimitte hervorleuchtete.
Nach beendigter kirchlicher Feierlichkeit wurden die in aller Eile mit möglichsterZierlichkeit ausgestatten Räume des Schlosses durch die Anwesenden in Augenscheingenommen, hierauf die weitgedehnten Gärten durchstreift. Der reiche Blüthenschmuck,der in mannigfaltiger Abwechslung weit umher die Landschaft verherrlichte, konnte eindurch die Natur selbst aufgestelltes Sinnbild der Monarchie und der Bedeutung diesesTages für dieselbe genannt werden. Und vielleicht selbst der Enthusiast, welcher denBlick von dem Hügel über den See und die malerische Landschaft demjenigen vonKonstantinopel oder dem reizenden Neapel vergleicht, der Wanderer, der am Abendevon der stillen Flur zu den glühenden Firnen und Zacken der Bergkolosse den Blickhinanhebt, faltet in Demuth die Hände, wenn die kleine Elisabeths ihre melodischeStimme zum letzten Abendgruß ertönen läßt.
Unter dem Hügel, von welchem die Riedenburg mit ihrem anmuthigen Thürm-chen sich erhebt, liegt das kleine Dörfchen Rieden. Die frommen Damen glauben dieAufgabe, Allen Alles zu seyn, darin auch an sie gestellt, daß sie der Kinder seinerBewohner sich annehmen, ihre Lehrerinnen werden. Zu dem Zwecke, für dieselbeneine Schule zu gründen, haben sie am Fuße ihres Gartens ein HauS gekauft. Alleindie Zeit hat es bisher noch nicht gestattet, dasselbe einzurichte«, die unentgeltlicheSchule zu eröffnen. Dennoch sollte auch diesen armen Kindern der 24. April einfestlicher Tag werden, er in ferne Zeiten hinaus als solcher ihrer Erinnerung sich ein-prägen. ES wurde ein großer Korb voll lieblich gezierter Feigen im Grünen verstecktund die Kinder auf daS Aufsuchen derselben ausgeschickt. Mit welcher Lust und mitwelcher Gewandtheit sie gefunden wurden, wäre überflüssig anzudeuten. Zum bleiben-den Andenken erhielt jeder aus den Händen von den geliebten Damen ein Bild deSheiligen Johannes und eine geweihte Medaille.
Die letzten Töne der Elisabeths an diesem schönen Tage ließen wieder viele,