Ausgabe 
14 (21.5.1854) 21
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Die SönigSgräber zu «t. DeniS. *)

Im prächtigen Schlosse von St. Germain wohnte Ludwig XIV. , von denfranzösischen Schriftstellern der Große genannt.Der Staat, das bin ich!"hatte er gesagt, und Keiner hatte ihm widersprochen. AIS Sonnengott stellten ihndie Maler dar, der älteste Adel von Europa , in seiner innersten Kraft gebrochen,haschte gierig nach einem Strahl seiner Gunst, und die ganze Nation sonnte sich inseiner Größe. Alle Monumente schmückte die Kunst mit seinem Bilde, Corneille undRacine besangen ihn dankbar als den MäcenaS des JahrhunderiS, und selbst vonheiliger Slälle herab hatte die Schmeichelei nicht selten ihn den Größten der Sterb-lichen genannt. Aber wenn er am Morgen hinaussah von dem Balcone seinesSchlosses hin über die heilere Landschaft mir den wogenden Kornfeldern, dem safiigen,abwechselnden Grün der rebenumkränzten Hügel, von tausend blendendweißen Land-häusern übersäet, da ward seine Stirn finster und seine Seele traurig, die eben nochTräume voll Lust und Pracht umgaukelt hallen. Vor seinem Blicke stand der graue,finstere, uuhti drohende Thurm von St. Dcnis; am äußersten Saume der Landschaftstand er da, wie die düstere Gestalt deS To^es, der ernste Mahner mir hochauf-gestreckiem Finger, der ihm dasUemento mori" schrieb auf die goldene Wand seinerPruntsäle, gierig wie das Raublhier nach der Stunde, wo eS auch ihn verschlingensollte, wie die übrigen Könige von Frankreich , deren Leichname in seinem Innernruhen seit zwölfhuudeit Jahren.

Ludwig koniue diesen Anblick nicht ertragen. Die Gestalt, die dort jeden Tagaus'S Neue snneS Namensder Große" zu spotten schien, und imm r hinwies aufdie Stunde, wo all' seine Pracht in Rauch zerfließen sollte verjagen konnte er sienicht. Seine Marschalle Villars, Catinar, Conr6 konnten Länder verheeren unv zuEinöden machen aber jene Gestalt v.rjagen, das konnten sie nicht. So floh erdenn weit weg vom Anblicke des Todes; eine sandige Wüste schuf er in Versailles um; hier sah er nichts mehr, als Lustgärten, Schmeichler und Lakaien. Aber derThutin von St. DeniS blieb stehen, und dem Tove war er nicht enlfl hen.

Ei>>eS Tages stand ein schwarzlimflorier Sarg vor dem Altare, umgeben vonallen Größen te> Nution, und von dtr Kanzel rief eine Summe durch die Stille deSTodcS, es war die Stimme Masiilon'S:Oiou seul est ßrsricl, mes ireres!"

An einem srcw dlict en Morgen besuchte ich die Psanei St. Denis. Der Wegfühlt durch die Vorstadt St. Dcnis. Es ist ein Gefühl, wie wenn man von derKüste d-6 Meeres aus weiter land-inwärlS geht, so oft man vom Miltclpunct vonParis nach smien äußcrst.n Linien wanden; mehr und mehr verstummt das Wogenund Brausen ecr großen S avt, und das Herz wird unS wieder wener, der Geistfteier und ruhiger. Noch ein Dorf passirte ich jenseilS des WalleS, Lachapelle St.DeniS, unv eine unabsehbaie weiie Ebene lag vor meinen Blicken. Nach einer halbenStunde Halle ich Sr. Denis ei reicht.

Es ist eine stille Sradl, die gegenwärtig kaum über 5000 Einwohner zählt.Die Sonne gov ihren hellen Glanz vom reinsten blauen Himmel herab, aber eS wardoch k.in rechieS Leben, keine Freude in diesen Gassen eS war AUcS so öde undschwermiuhig, wie in dem Vcrhofe eines LeichenackcrS. Ich folgre der am wenigstenöden Straße, nach wenigen Minuten stand ich vor dcr Abtei. Sie wurde gegründetzu Ehren d.S Schutzheiligen von Frankreich, DionysiuS , durck König Dagobert imJahre 6l3; Carl der Große ließ die Kirche neu ausführen 775. Abt Suger , dervon einem Baucrnknabcn sich zum allmachiigen Minister und Regenten von Frankreich aufgeschwungen Halle, ließ 1130 auch diese zweire Kirche niederreißen und beganneinen grohur und prachtvollen Neubau. Unter Philipp dem Schönen erhielt sie ihreletzte Gestatt bis zum veryängnißvollen Jahre 1793.

St. DeniS war Jahrhunderte hindurch die mächtigste und reichste Abtei, Könige

*) Kalh. Wochenschrift.