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bekleideten die Würde eines AbreS. Hier wurde die Oriflamme aufbewahrt, die denHeeren vorausgetragen ward zum Siege; „Momjoye und St. DeniS !" — war durchJahrhunderte der Schlachtruf der Franzosen. St. DeniS war die NekropoliS vonFrankreich . Alles, waS in den Palästen geglänzt und auf den Thronen geherrscht,was die Völker gefürchtet oder geliebt — cS kam hierher nach St. DeniS zur langenRuhe in den Rcihen der Väter; alle Häupter, die Kronen getragen, legten sich niederzum ewigen Schlaft auf den steinernen Pfühlen von St. DeniS . Wenn die Thoreder Todtenstadt sich ausschlössen, da ging Trauer durch das Land. „I.o roi est mort,!"— rief der Herold von Frankreich ; eS war daS nur eine Handvoll Asche mehr zudem Aschenhauscn, ein neuer Tropfen Vergänglichkeit in daS Meer der Vergangenheit.Alle Wege des Lebens, welche die Könige von Frankreich , seine stolzen Prinzen undHerzoge gegangen, alle führen hin, alle münden auS in die Todtengrust von St. DeniS ;der Strom der Zeit, der sie getragen, stürzt sie dort hinab, wie der Wasserfall seineWellen in den Abgrund stürzt, schnell und immer schneller. Und jetzt sind eS nichtKönige mehr und nicht Fürsten , keine Hoheit trennet sie mehr und keine Größe, Ascheund Verwesung, Würmer und Moder haben Alle gleich gemacht. Der letzte Todteweilte auf der Mitte der Stufen, die hinab inS Todrenreich führen, als wartete er,als rufe er seinem Nachfolger. Dieser kommt und säumt nicht lange. „Sieh, du bistgeworden wie Einer auö unS", rauscht die Todtenstadt ihm entgegen — „ecce nostrisimilig iÄcw5 es" (Is. c. 14, 10) — und der Wächter steigt vollends hinab und strecktsich hin auf sein schwarzes marmornes Bett. Und nun hält der neue Ankömmling dieWache an der Pforte der Unterwelt. Alle Generationen der Könige sind da hinab-gesunken, lauter Könige und Fürsten , die hier Staub geworden, wie der Staub deSLetzten ihrer Unterthanen, nur daß vielleicht mehr Sünden ihn entweihten und mehrThränen der Unterdrückten an ihm hängen. „Wie sind die Rcihen so enge," — riefhier Bossuet iu der Leichenrede auf Henrietle von England — „wie hat der Tod Eile,alle Plätze auszufüllen! O Eitelkeit, 0 Nichtigkeit! Alles ist eitel, außer daS Bekennt-niß unserer Eitelkeit!»
Als ich eintrat in die majestätischen Hallen, waren eben die letzten Töne deSRequiem verklungen, das jeden Margen hier gesungen wird. Vom altersgrauen Thurmeherab scholl der dumpfe Ton der Glocke, und hallte wieder unter diesen vielhundert»jährigen Säulen und Gewölben. Es war recht traurig in der Kirche, öde, kalt,leer, ausgestorben, wie der verlassene Grabstein eines Menschen, an den keine Seeledenkt, der von Allen vergessen ist. Da steht der Sarkophag der Könige, aber eS istkein Volk da, das um sie trauert; einige Personen auS den niedern Classen tratenmit mir ein; glcichgiltig, neugierig ahnten sie nicht, daß sie hier vor dem Reliquien-schrein ihrer Größe stehen, daß die Geschichte von einem Jahrlausend in dieses Buchvon Slcin gemeißelt ist. St. DeniS hat keinen Platz mehr in dem Herzen deS jetzigenFrankreich ; S?. Dcnis ist ein Anachronismus in der Gegenwart.
Ludwig XV. war der letzte König, der hier auf den sechzehnten seines NamenSwartete, welcher ihn ablösen sollte von der Todtenwache. Aber er harrte vergeblich.Gott hatte beschlossen, Frankreich zu züchtigen für seine Sünden: die Könige für dieSünden ihrer Väier und daS Volk für die Sünden seiner Könige. Ludwigs XVI .Haupr fiel auf dem Schaffst, sein Leichnam wurde schmählich in eine Grube einge-scharrt, fern von den Gräbern seines Geschlechtes. Aber daS war noch nicht genug;die Fürsten hatlen schrecklich gefrevelt an Golt und seinem heiligen Gesetze — sie soll-ten schrecklich büßen vor dem Angesicht aller Völker der Erde.
„Die Gräber von St. Denis " — sagt Chateaubriand — „waren berühmt unterden Gräbern der Menschen; die Fremdlinge strömten von allen Seiten herbei, seineWunder zu schauen; aber da erhob sich eine Windsbraut deS göttlichen GrimmeS undtrieb die Wogen der Völker hin gegen den Palast deS Todes, und erstaunt rief dieWelt: Wie, ist untergegangen der Tempel AmmonS in der Wüste?"
ES sollte die größte Rache GolteS an Frankreichs Königen geübt werden, eSsollte ein Strafgericht über sie fallen, wie der Prophet (Ezech. 6, 5; Jerem. S, l)
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