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Erst Napoleon that dem Werke der Zerstörung Einhalt, Er war in daS ErbeCarls des Großen eingetreten und hcitie seine Kaiserkrone sich aufs Haupt gedrückt;darum sollte die alle kaiserliche Gruft auch ihn und seine Familie ausnehmen. Aberer hatte Wind ausgeiäet und erntete Sturm; er und seine Familie wurden zerstreutwie Spreu über dem Angesichte der Eide — ein felsig «äilcmd ward sein Kerker undseiu Grab. Und sein Sohn, der Erbe seines RubmeS, schläft ferne von ihm bei denCcipucinern in der Todtengruft zn Wien. Ludwig XVIII , und Carl X. setzten dieArbeitn fort, und unter Ludwig Philipp wurde die innere Restauration vollendet.Alle bauten sie an ihrem Grabe — aber sie sollten nicht sagen dürfen: „Solum mioisupei-est sepulenrum!" Nicht einmal das Grab wurde ihnen gegönnt — so eitel istdie größte Größe auf Erden. — Beide liegen begraben in fremder Erde, im Lande derErbfeinde ihrer Nau'on.
Ludwig Napoleon ist auch in St. Denis seinem großen Oheim gefolgt; er fährtfort, der Kirche seine Fürsorge zu widmen. Wird er hier einst seine letzte Rnhe finden?Oder schmückt er mir das Monument, das Den verherrlichen soll, der ihn einmalvom Throne stößt.
Beim ersten Eintritt in die schöne Kirche bemerkt man kaum, was für gewalt-same Katastrophen an diesen Mauern vorübergegangen sind, ES ist ein herrlicherBau, fast wie aus Einem Gusse, mit Ausnahme der Krypten mit nur wenigen Restenim Siyle der vorgothischcn Zeit. Einen Augenblick könnte man sich tauschen, sich nmein Jahrhundert zurückversetzt Milben. In reichen Gewändern umgeben die Hüter deSGrabcö der Könige den Hochaltar. Ludwig Philipp stiftete hier ein Capitel, bestehendaus zehn Bischöfen und vierundzwanzig Kanonikern; helle Rauchwolken steigen zwischenden schlanken, strebenden Säulen empor und ziehen langsam unter der Wölbung hin.Daö Requiem, unterbrochen von den dumpfen Tönen der Hörner, wie sie in Frank-reich den Chvral begleiten, fleht um die ewige Ruhe der Todten. Aber die Gräbersind leer — ihre Asche ist in alle Winde zerstreut; nur Ludwig XVI. uud die unglück-liche Marie Amoinette, Ludwig XVIII , und der Herzog von Berry liegen hier, danneinige wenige Reste ron Gebeinen, die man gefunden halte nach der schauerlichen Feiervon 1793 und sorgfältig gesammelt und hicrhergetragen, wie der Mensch am Tagenach der Feuersbrunst auf die Brandstätte eilt, um unter dem Schütte ein halbver-kohltes Andenken an seine frühere Herrlichkeit zu finden. Wir hören die dumpfdröh-nenden, langsam hinzitternden Schläge der Glocke vom altersgrauen Thurme herab,so ernst, so melancholisch, als wären cö die Pulsschläge der unwiederbringlich hinab-cilcnden Zeit — aber es strömt kein Volk mehr herbei, um zu tranern am Grabeseiner Könige. Der Name deS Königs, bei dessen Nennung der Franzose von ehedemsein Haupt entblößte, hat seinen Zauber verloren; cS sind mir noch Wenige, die wieDu Gue?clin sprechen: „tVIon -)me g Vieu, ma vie au roi!" Die Gesalbten des Herrnhatten sich selbst ew weiht, und darum verwarf Er sie von seinem Angesichte. Und dasganze Volk rief ein furchtbares: Amen!
St. Deuis ist wieder hergestellt — ein Grab ohne Leichname, ein Katafalkohne Todte, seine Grüfte sind leer, St. DeniS selbst ist ein Leichnam, Ich weißnicht, ob ich nicht die Abtei lieber sehen möchte in dem Zustande, wie sie nach 1793war. Da war eS eine Ruine, aber da war es doch Etwas; da konnte man sichniedersetzen unter Trümmer und hinaufblicken zu den schweren granen Wolken, dievom Siurme gejagt durch die zerrissenen Mauern ziehen, und nachdenken über dieVergänglichkeit aller Dinge, wie der Einsiedler vor dem Todtenkopf. Jetzt wird esuns nicht wohl zu St, PeniS; eS ist uns unheimlich hier, es ist eine Leiche, manhat sie geschminkt, mit Flittern und Bändern geziert. Man hat neue Glasmalereienan den Fenstern angebracht; ich sah eine im Seitenschiffe, die Stiftung des Capitelsdurch Ludwig Philipp vorstellend. Er und seine Minister erscheinen in blauem Frack,den Galameriedegen an der Seite, DaS ist die Malerei auf ein gothisches Fenster ineiner herrlichen gothischen Kirche mit den Heldengestalten Clodwigö, Dagoberts, deSritterlichen Franz I. und Heinrich IV. !