Ausgabe 
14 (28.5.1854) 22
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Das neugierige Volk läuft hinzu, eS drängt sich hinein in die Grüfte, mangafft, man schwätzt, man lacht und macht Bemerkungen über diese ernsten, lang-gestreckten, steinernen Bilder. Der Concierge geht voran, der Haufen Fremder undgeschwätziger Pariser folgt; neben mir ging ein Weib aus dem Volke in unordentlichemAnzüge, sie hatte ein säugendes Kind an der Brust. Man sieht recht deutlich:der Franzose der Gegenwart hat kein Verständniß mehr für seine Könige. Wie könnteauch der junge Mensch, der seinen Voltaire gelesen, oder die Grisette, die Paulde Kock und Suc und wie dergleichen schmutziges Gesinde! mehr heißt, in Andachtstudirt hat, anders hier eintreten, als mit einem Gefühle souveräner Verachtung derVornrtheile und Tyrannei dieser barbarischen Jahrbundertc!Hier liegt Pipin derKurze," ruft die monotone Stimme deS Concierge hier in der MönchskutteClodwig, hier Blanka, hier Franz I. , hier Carl, der in der Bartholomäusnacht auf

seine Unterthanen schoß, hier....." doch die Reihe scheint nimmer enden zu

wollen; man bleibt stehen, man betrachtet, betastet diese eigenthümlichen, oft sehr aus-drucksvollen Gestalten, aber der Führer drängt vorwärts und mahnt zur Eile, dennes gibt hier viel zu sehen, der Tod hat reiche Beute. In buntem Wechsel ziehen dieseBilder an unS vorüber, es schwindelt unS, die schweren, niederen Gewölbe scheinenauf unserer Brust zu liegen und den Athem zu beengen. Endlich ist der lange Katalogzu Ende, den der Aufseher herablieSt, wie der Kerkermeister die Liste seiner Gefangenen,als wollte er sagen: Die Alle da sind mein, und es entgeht mir Keiner.

Ich habe einen Edelmann gekannt; als dieser bei geänderten Vermögens-Ver-hältnissen die Burg seiner Väter nicht mehr behaupten konnte, trug er das Dach abund machte sie zur Ruine. Man hatte sie ihm abkaufen wollen, der Eine, um eineFabrik, der Andere, um eine Brauerei darin zu errichten. Er machte eine Ruinedaraus; als er zum ersten Mal vom Thale hinaufschaute und die nackten Manernihn anblickten, sah sein Begleiter eine Thräne an seinem dunkeln B^rt hängen.Die Philister sagen, er hätte nicht reckt gethan.

Wenn man das Heiligthnm seiner Väter nickt mehr heilig halten kann, somache man doch lieber eine Ruine daraus. Denn um die zerfallenen Mauern schwebtElwaS, wie vom Hauch der Ewigkeit., und mit dem dunkeln Evheu winden sich ernsteGedanken an den geborstenen Thürmen hinauf.

Als ich heraustrat auS St. Dem'S war cS Mittag. Der Himmel war rein,wie von geschliffenem Stahl; die Herbstsonne meinte es so gut, als wollte sie Abschiednehmen auf lange Zeit. Einzelne vergelbte Blätter fielen leise von ven Pappeln, wiedie Menschen vom Baume des Lebens fallen, ohne daß man cS wahrnimmt. Diealte Abtei stand so traurig da, wie ein Greis, der seine kalten, sast erstorbcnen Glie-der an der Sonne wärmr; ein Heller Strahl fiel über die Vorderseite, die Fensterglänzten bei diesem Sonnenblick, es Mir wie ein plötzlich aufzuckendes Lächeln aufdem Angesicht deS Sterbenden.

Ich nahm einen Wagen, fuhr nach der Richtung von Paris über die Ebenebin, auf der die Kämpfe der Ligue gewüthet, und die getränkt ist mit dem Blule deSritterlichen Connetable Anne de Monlmorency, bog dann gegen Südwest ab undgelangte nach Meudon .

ES ist dieß ein älteres Lustschloß der Könige auf einer sanft aufsteigendenAnhöhe, welcke die Gegend weithin beherrscht, mit groß-n Gartenanlagcn im Ge-schmacke Le Nolre's. Die Aussicht von der Terrasse herab ist entzückend. Paris lagvor mir, nahe genug, um die Stadt mit ihren Kuppeln, Sänlen, Thürmen undTriumphbögen ganz zu sehen, aber wieder zu ferne, nm über dem Labyrinthe zu stehenund es ganz zu ülerschauen. Unmittelbar zu meinen Füßen in malerischer Abwechs-lung die Reihen der Landhäuser, halb versteckt unter Bäumen und Laubwerk in denmannigfaltigsten Schatiiruugen, die in einem unermeßlich «veiren Bogen sick um dieStadt ziehen. Unter einem so schönen Himmel, in dieser lachenden Landschaft, dievor unS liegt wie überschüttet von allen Gütern unv Gaben und Genüssen deS Lebens,wo nichts als Glück ausgestreut scheint, da ist es, als wollte Alles zum frohen Ge-