Ausgabe 
14 (28.5.1854) 22
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nusse deS Lebens einladen. Rabelais, der lustige Pfarrer von Meudon , wäre vielleichtder Welt nicht bekannt geworden, hätte er anderSwo gelebt, an den verödeten Küstender Bretagne oder zwischen den ranhen Bergen des Jura.

Ja, der Pariser Sybcirite hätte Recht wenn nur Eines nicht wäre. MeinBlick schweifte weithin über die Stadt mit all' ihrem Glanz und ihrer Pracht; amäußersten Horizont stand Etwas, scharf herausgehoben durch den bellen Hintergrund,dufter, drohend wie die Gestalt des TodeS. Es war der Thurm von St. Denis.Er stand da, als wollte er spotten deS ohnmächtigen Treibens der Millionen daherum, als wollie er sagen: Und doch seyd ihr mir Alle verfallen! DaS ist der Eine,bleibende Hintergrund in dem heitersten Gemälde des Lebens, das ich je gesehen; dasgellt wie eine schneivende Dissonanz durch die Festgesäuge der Freude, Ja, wennSt. DeniS nicht wäre mit seinem finstern Thurme und seinen kalten Gräbern, mitseinem Moder und Geruch der Verwesung, da hättet ihr Recht, ihr Männer undFrauen deS Genusses!

Ich ließ mich nieder unter einer schattigen Platane; ihre Blätter rauschten inder Abendlnft, als wollten sie erzählen von den FestinS und was sie Alles schon hiergesehen hatten. Da dachte ich an BossuetS Worte unter dem Dome von St. Denis:O Eitelkeit, o Nichtigkeit! Alles ist Eitelkeit, außer das Bekenntnißunserer Eitelkeit!

Ich öffnete mein Brevier; es war eben das Fest der Kreuzerhöhung. Ich lasden HymnuS zur Vesper: 0 Lrux svo, speg unies!

Central-Afrika .

Wien . Am 11. Mai ist hier an den ?. I. hochwürdigen Herrn AndreasMcschutar, Präses des Marienvereines, folgendes Schreiben angelangt:

Chartum , 15. März 1854.

Hochwürdigster Bischof!

Eben war ich im Begriffe, an Euer Gnaden zu schreiben, als ein Brief vomHerrn Grafen von Fries hier anlangte, welcher vom 15. Jänner d. I. an den hoch-würdigen Herrn Provicar gerichtet war; da selber aber bereits am 16. Februar anden weißen Fluß abgereiset, und bei dem ausgezeichnet guten Winde, der diese Zeithier wehte, in diesem Augenblicke nicht mehr weit von Gondocoro seyn wird, undwahrscheinlich auch für lange Zeit keine Gelegenheit sich darbietet, den Brief dahin zusenden, so nahm ich mir die Freiheil, denselben zu öffnen, woraus ich ersah, daßman in Wien in Sorgen ist wegen der Ehrlichkeit der Nachrichten, welche vonunserer Misston einlaufen (oder vielmehr nicht' einlausen).

Was erstlich die Mission und die Missionäre oben am weißen Fluß anbelangt,wohin der hochwürdige Herr Provicar am Wege ist, so hörten wir hier seit der Ab-reise des hochwürdigeu Herrn ProvicarS im Frühling des vorigen JahreS von dortnoch kein einziges neues Wort; denn die Handelsschiffe sind von da noch nicht herab-gekommen, müssen aber die ersten wohl bald ankommen.

Von uns in Chartum kaun ich berichten: Unsere Kranken sind zwar gegenwärtigalle außer Gefahr und aus dem Krankenbette, aber sie können sich fast nicht erholenund schleichen blaß wie der Tod, auf dem Stäbe gestützt, herum. Einer davon, HerrSchaschel, Büchsenmacher und Schlosser, hat in seiner Krankheit einen Leibschadenbekommen, und seine wenige physische Kraft und den moralischen Muth noch vollendsverloren; er kam vor einigen Tagen zu mir mit der Bitte, aus der Mission tretenund nach Hause gehen zu dürfen, indem er einsehe, daß er das Klima nicht aus-halten und daher für die»Mi>sion nicht nur nichis leisten könne, sondern ihr vielmehrznr Last seyn werde. Da ich bereits früher rücksichtlich eines solchen vorkommendenFalles mit dem hochwürdigcn Herrn Provicar gesprochen hatte, so nahm ich keinenAnstand, fraglichen Herrn zu entlassen. Wir brauchen nun hier vor Allem einen