232
Es betet wohl das Müttcrlein:Ich opf're dir all meine Pein,O hilf mir dulden frcudiglich!Du Schmerzensmutter, bitt' für mich!Die Fürstin fleht: O Königin,All meinen Schimmer, nimm ihn hin!Gib Demuth mir, ich rufe dich!Du Himmelsherrin, bitt' für mich!
Und von dem armen Wittwenkleid,Und von der Fürstin Perlgeschmeid'Rinnt eine Thräne still und klarAls gleiche Perle zum Altar.Und leis' die Fürstin sich erhebt —Das Mütterlein, das sieht's und bebt,Und scheu sie von der Herrin rückt,Doch mild sich diese niederbückt.
Löst demuthsvoll ihr PerlcnbandUnd legt es in der Wittwe Hand:Lieb Mütterlein, was zitterst du?Wie käm ein reich'rer Platz mir zu?Ist sie nicht Mutter mir und dir?Als Schwestern knieten wir vor ihr.O wär' wie du ich gnadenreich!Im Haus des Herrn sind Alle gleich.
Wenn wir den Schatten dieses ManneS auS seinem beinahe achtzigjährigenGrabesschlummer aus eine' kurze Weile aufrütteln, so geschieht dieß weder auS Haßnoch aus Vorliebe für seine Person oder seine vielseitige literarischc Thätigkeit, sonvernum an-ihm, als dem Koryphäen und Orakel aller Schöngeister oder als solche sichGeberdenden deS achtzehnten Jahrhunderts, zu Nutz und Frommen der Mitwelt zuerproben, in wie fern gewisse Lehren, zu deren Apostel er geHorte, und die er durchalle ihm zu Gebot stehenden Mittel, selbst mit Aufopferung seiner eigenen Gemüthsruhe,zu verbreiten bemüht war, auch am Ziel des irdischen Daseyns, an der Gränzeeiner furchtbaren Ewigkeit noch Stich halten; einer Ewigkeit, die sich nicht verspöttelnläßt, und t>ie mit ihrer stummen Beredtsamkeit Furcht unv Schrecken auch dem kühnstenTrotzer in die vermeintlich gestählte Brust zu donnern weiß. Bewähren sich jeneLehren ans diesem Prüfstein ihres Gehalts, so müssen ihre Gegner verstummen; dennein solcher Sieg ist entscheidend, und läßt die Geschlagenen nie wieder zu Kräftenkommen. Bevor wir aber zu der angedeuteten Untersuchung in Bezug auf ven nächstenGegenstand dieses Aufsatzes schreiten, scheint es uns gerathen, zuerst das Zeitalter zubetrachten, dessen spätere Richtung wohl hauptsächlich mit das Werk unseres Heldenwar, das aber früher ganz gewiß auch auf ihn eingewirkt und ihn zu dem zweideutigen,mit sich selbst und andern in stetem Zwiespalt lebenden Wesen gemacht hat, als welcheswir ihn in seiner häuslichen Lage wie in seiner öffentlichen Wirksamkeit erkennen.Bei dieser Betrachtung, wodurch es unseres Bebünkens erst möglich wird, Ursache,Wirkung und Folgen in ihr gehöriges Licht zu stellen, muß unser Weg begreiflichziemlich weit jenseits der Wiege Voltaire'S anheben und sich auch noch eine gute
») Volkshalle.