Ausgabe 
14 (3.9.1854) 36
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Strecke über sein Grab hinaus ausdehnen, damit sich die Billigkeit nicht über dieGerechtigkeit zu beklagen habe, damit eS aber auch jedem unbefangenen Leser rcchlklar werde, daß, wie es keine Frucht ohne Samen gibt, auch die Beschaffenheit derFrucht von jener des Samens abhängt. Ist der Same gut, so wird auch die guteFrucht nicht ausbleiben, woferne nicht uuvorherzuseheude Einflüsse ihr Gedeihe» hindern;ist aber der Same schlecht, so mögen berechnete nnd nicht berechnete Einflüsse noch sogünstig seyn, die Frucht verläugnet ihren Ursprung nicht. Zinn und Kupfer werde»im Schmelzofen nie zu edlen Metallen, und diese handgreifliche Wahrheit halte alleingenügt, um uns vor der Thorheit der Goldmachern zu bewahre», läge eS nicht inder Art deS Menschen, über das vor seinen Füßen Liegende hinweg, und darumgemeiniglich auch den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. AIS Voltaire baSLicht der Welt erblickte, hatte Frankreich schon über anderthalb Jahrhunderte in denheftigsten Zuckungen gelegen. Auch die gcsuudeste Natur muß sich nach einer Krankheitschonen, und darf auch sonst nicht auf ihre Gesundheil losstürmen. Frankreich thatdas Erstere gar nicht, und daS Letztere mit Ucbermaaß; und wenn eS diesem vonzwei Seiten her ausreibenden Gebcchren nicht erlag, so hatte es seine Erhallung wohldem Umstände zu danken, daß seine Rolle im Welldrama höherer Bestimmung gemäßnoch nicht ausgespielt, daß es ihm vorbehalten war, zur Zeit als Zuchlrulhe deSEwigen von Sieg zu Sieg zu fliegen, den leichtsinnigen, genußsüchtige», entnervte»,gottvergessenen Geschlechtern die mit Blut und Zerstörung geschriebene Bürgschaft zubringen, daß der, welcher einst einen Timur-Beck und TschingiSchan, einen Genserichund Attila erweckte und wassnete und stärkte, daß sie Alles vor sich wegfegten, wieder Sturm die Wolken, daß Er noch lebe zum Strafe» wie zum Segnen, und kaumeines Hauches bedürfe, um seine hartnäckigen, aber ohnmächtigen Feinde zu zerstieben:^ll'Igvit veus, st clissipsti sunt. Dem letzten BaloiS war der erste Bonrbon aufdem Throne gefolgt. EtwaS über zwanzig Jahre hatte Heinrich III. die französischeKrone getragen, und eben so lange durch seine Genußsucht Aergerniß verbreitet.Rene und Rückfälle wechselten mit einander und zeigten die Haltlosigkeit deS Charakters,der ihn in den Mitteln fehlgreisen ließ. Dasselbe kann man nicht von jenen ehrgeizigenGroßen sagen, welche, die WillenSlosigkeit des schwachen Fürsten mißbranchend, denunseligen Krieg wider den Bearncr anfachten, und, um ihr böses Spiel zu verberge»,im Namen ihrer Religion Bürger gegen Bürger anf'S blutige Schlachtfeld trieben,während sie selbst, nur irdische Zwecke verfolgend, die entehrte Krone auf ihr eigeneshochverräterisches Haupt setzen wollten. Jedermann weiß, wie, wo und wannHeinrch III. das Zeitliche verließ nnd wer sein Nachfolger wurde. Die Ligue warverschwunden, und Heinrich IV. herrschte über Frankreich . Große Eigenschaften, diedurch menschliche Schwäche verdunkelt, aber uicht zerstört wurde», zeichneten diesenMonarchen auS. - Er hatte ein gutes, für daö Glück seines Volkes warm schlagendesHerz, und wir dürfen uns hierüber auf sein Volk selbst berufen; das Volk ist in diesemStück Kind und, wie das Kind, ein guter Beobachter: eS weiß bald, wen eS lieb'.Heinrichs Unterthanen sangen, nnd ihre Nachkommen singen noch jetzt:Vivs HenriHuatr«, vive es roi vaillsrit!" und bei derpoule ->u pot" rollen den, französischenLandmanne noch jetzt Thränen über ihre Wangen. Heinrich hatte mit seinem herrlichenSully die Finanzen aus ihrer Zerrüttung hervorgezogen, mit Einsicht geordnet, durchrühmliche Sparsamkeit befestigt; Ackerbau, Handel und Gewerbe, kurz Alles, wodurchdaS materielle Wohl eines Landes bedingt ist, rafften sich uuter Heinrichs schützender,überall gegenwärtiger Aegide mit verjüugter Kraft aus ihrer Erschlaffung empor, uudgediehen zusehends; Frankreichs Wort, das unter den frühern Regierungen vom Auslandeunbeachtet blieb, fing unter dem Bearner wiederholt an, in Europas Wagschaale seinnicht leichtes Gewicht zu legen, und der diesem Monarchen zugeschriebene Plan einerTheilung unseres Welttheils in eine bestimmte Zahl uugefäbr gleich starker Republiken(im alten Sinne von res puKIie-l zu verstehe»), um jeder küufligen Störnng desGleichgewichts vorzubeugen, beweiset, daß er sich seiner und Frankreichs Macht auchbewußt war; endlich wir nennen dieß der Steigerung wegen zuletzt, obschon eS