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chronologisch allen aufgeführten Bestrebungen vorherging — Heinrichs Seele hatte sichder Wahrheit geöffnet; Ludwig der Heilige oder Neunte nimmt ihm, nach Voltaire'Sepischer Darstellung, die Binde von den Augen. ,M lui cl^oouvrv un vieu sous u»smin qui »'egt, plus." Der Thron fand also wieder eine kräftige Stütze an der Kirche,und eS schien sich daher AllcS zu vereinigen, um die noch blutenden Wunden einervrdnungslvsen Zeit allmälig zu Heileu. Und doch heilten sie nicht, trotz den günstigstenConstellationen, trotz der emsigsten, ungebeuchelt teilnehmendsten Pflege! Der gewöhnlicheBetrachter historischer Thatsachen steht hier wie eingewurzelt vor Bcftemdnug, undsieht sich vcrgebens nach einem Schlüssel um: denn das ist unbestreitbar: Heinrich undSnlly war eS voller Ernst mit dem VolkSglück; sie scheuten keine Anstrengung, keinOpfei, um dasselbe dauerhaft zu begründen, unv Beide verstanden eS auch, die Sachebeim rechten Ende anzugreise». Und dennoch gelang sie nicht? Ja, freilich gelangsie nicht — und konnte nicht gelingen
(Fortsetzung folgt.)
Die traurigen Ereignisse, welche zur Zeit das schöne Spanien an den Randdes AbgrnndcS zu führen drohen, erwecken gewiß in jeder katholischen Brust einlebhaftes Interesse für dasselbe. Wer möchte auch nicht Th?il nehmen an diesemunglücklichen Lanve, das von der Natur so reich ausgestattet und von einem gesunden,kräftigen VolkSstamme bewohnt ist, das in früherer Zeit eine so glänzende Rolle inder Weltgeschichte gespielt und so viel Herrliches in religiöser und wissenschaftlicherBeziehung, so wie in der Kunst hervorgebracht hat, und daS jetzt in der Weltgeschichtezu einer Unbedeutendheit herabgesnnken ist, die es zum Gegenstande willkürlicherWühlereien von einzelnen Personen, als auch selbst von Regierungen gemacht, jasogar zum Gegenstände deS Spottes der sogenannten „Liberalen " herabgewürdigt hat.ES mögen manche ganz irrthümliche Ansichten über die Verhältnisse in Spanien gangund gäbe seyn, verbreitet durch solche, welche diesem katholischen Lande nicht wohlwollen; deshalb glauben wir unsern Lesern einen Gefallen zu erweisen, einige Notizen,die der „Katholischen Wochenschrift" entnommen sind, hier folgen zu lassen, diemanches Vorurtheil verscheuchen und manche Verleumdungen zu nichte machen werden.
Die englischen Blätter machen es sich seit geraumer Zeit zur besondern Aufgabe,das katholische Spanien ans alle mögliche Weise zu verunglimpfen; sie bringen immerund immer wieder die abenteuerlichsten Gerüchte über die Unsiitlichkeit deS HofeS, derGeistlichkeit und des Volkes:c. Diesen Lügen-Berichten gegenüber bringt das „lablet,"von Zeit zu Zeit Mittheilungen aus Spanien , welche die dortigen religiös-sittlichenZustände in einem ganz andern Lichte erscheinen lassen.
„Ich glaube," — schreibt der Madrider Korrespondent dieses BlatteS — „dieseJournalisten denken in ihrem Schrecken über die Ausbreitung deS Katholicismus inEngland , iu der Religion seyen, wie „in der Liebe und im Kriege, alle Mittel recht",und die Verdächtigungen katholischer Fürsten und katholischer Geistlichen seyen das besteMittel, ihr Publicum mit Haß gegen die Kirche zu erfüllen. Vor einigen Tagen kamich beim Palaste vorbei: die köuigl. Equipage fuhr gerade in den Hof, die Königin,der König und die Prinzessin von Asturien mit ihrer Amme saßen darin; das MusikcorpSspielte den „königlichen Marsch". Die Königin umarmte zärtlich ihr Kind und gabcs der Amme und stieg dann mit dem König die Treppe hinan. DaS war das ersteBild vom Hofleben, welches ich sah, nachdem ich die Schmähungen englischer Blättergelesen. Einige Tage nachher hatte ich eine Privat-Audienz bei der Königin. Siestand einfach, aber elegant gekleidet, mit einem würdevollen, jedoch gütigen Ausdruckneben dem König und liebkoste die kleine Prinzessin, welche die Amme an der Handführte. Keine Bauernfamilie konnte einen Anblick größern häuslichen Glückes undgrößere Einfachheit darbieten. Die englischen Journalisten kennen nicht die Liebe der