Ausgabe 
14 (10.9.1854) 37
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gelangt so unvermerkt in den Raum, wo niemand wohnt; oder, was nicht minderklug, man untergräbt das Fundament feststehender Behausungen, und sieht mit naivfragendem Kopfschütte n den Bau einstürzen, als ob dieser Einsturz anderswo als inder unterwühlten Grundmauer zu suchen. Von denen, die mit Vorbedacht und rich-tiger Berechnung so zu Werke gehen, mag hier noch abgesehen werden, wir werdenleider noch oft genug auf sie zurückkommen müssen. Heinrich's und Sully'S Bemühungenwaren, wie gesagt, durchdacht, ehrlich und rastlos, hatten aber nur halben und unge-sicherten Erfolg, weil sie in dem entschwundenen Boden jener doppelten Autorität keinenWurzclgrunv mehr fanden. Die dreiköpfige Reformation, und in Frankreich namentlichder Calvinismus , hatte die kirchliche Autorität unmittelbar, und dadurch auch mittelbardie weltliche, zuerst bei einem großen Theile der Vornehmen gelockert, dann auch, wieeS zu geschehen pflegt, denn exempls tranunt bedeutende Massen im Volkeselbst hingerissen. ES wäre vermessen, geradezu zu behaupten, daß der König beilängerem Leben und fortgesetzter Mitwirkung seines Ministers nicht endlich doch diesesHinderniß überwunden, die zersetzenden Elemente nach und nach ausgeschieden hätte;allein gewichtige Vermuthungen sprechen dagegen. Heinrich war Convcrlit; Katholikenwie Protestanten fiel eS daher schwer, ihm unbedingtes Vertrauen zu schenken, undum so schwerer, wenn die ihm beigelegte Aeußerung:Hue Paris valait dien unemesse" keine Erfindung seiner Feinde ist. Sein leichtfertiges Leben, das zwar seineThätigkeit als Regent nicht hemmte, aber ihre volle Anerkennung und allseitige Unter-stützung verhinderte, mag auch das Seine wohl dazu beigetragen haben, daß er nacheiner etwa sechzehnjährigen, kräftigen und wohlthätigen Regierung vielleicht doch seinenGeist mit dem betrübenden Bewußtseyn aushauchte, weder selbst König gewesen zuseyn, noch in seinem einzigen minderjährigen Sohne einen' König zu hinterlassen.Was Heinrich der Mann nicht vermochte, wie hätte daS seine Wittwe, auch ohneihre Vorliebe für das florentinische Ehepaar, vollbringen können? und ihr allmäligzum Jüngling herangereister Sohn, der gutmüthige, aber kränkliche und beschränkteLudwig XllI,, konnte unter der Leitung eines Duc de LuyneS wohl ein trefflicherJäger und Vogelsteller, aber kein großer Herrscher des FrankenrcichS werden. Da warfihm die Vorsehung, die am Ende doch immer den AuSschlag gibt, einen Mann inden Weg, wie ihn das Reich bedürfte, und Ludwig war trotz seiner Abneigung gegenRichelieu's Person doch weise genug, seine gclränktc Empfindlichkeil dem Wohl deSLandes zu opfern, und den überlegenen Geist, vor dem der seinige zitterte, an dasStaatSruder zu stellen. Richelieu ergriff dasselbe mir einer Kraft, die sich zum Herr-schen berufen fühlt, und sein Wille ward Gesetz in Frankreich und weit über dessenGränzen hinaus. Aber hat denn dieser gewaltige, ja, menschlich zu reden, allgewal-tige Minister,cjui mit les rois cle trance oois <ie pagv", hat er denn seine Auf-gabe gelöst? Drei Stücke schwebten ihm unverrückt vor der Seele: die DemüthigungOesterreichs , in diesen drei Worten liegt seine ganze Politik; die innere hatte die Züge-lung der übermüthigen Vasallen und die Entwaffnung der Hugenotten zum Gegenstande.Gegen Oesterreich erreichte er wenigstens eine Zeitlang zum Nachtheile der guten Sacheseinen Zweck; die französischen Großen wurden bezwungen, mitunter vernichtet, undmit der Einnahme von La Rochelle war den Hugenotten der letzte Stützpunct, die letzteZuflucht entrissen; und dennoch fragen wir noch einmal: hat Richelieu seine Aufgabegelöst, d. h., hat er den Thron seines Königs, wie er eS wollte, auf den unerschüt-terlichen FelS freiwilligen Gehorsams gegründet? Denn zum freiwilligenGehorsam mußte der erzwungene doch endlich einmal umschlagen, sollte der Staatetwas früher oder später nicht wieber aus seinen Fugen herausgerissen wercen. Nein,dahin brachte es auch Richelieu nicht, konnte eS auch seine unbeschränkte Macht, seineiserner Wille nicht bringen; während er die Hugenotten in Frankreich bekämpfte,unterstützte er die Protestanten in Deutschland . Die Ligue war zwar durch Hein-rich'S IV. Thronbesteigung zum Unding, zu einer Wirkung ohne Ursache geworden;dennoch spuckre sie fort wie die Manen unbegrabener Leiber bei den Alten, und legtesich nicht eher zur Ruhe, bis ihre Tochter, die Fronde, so weit herangewachsen