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war, daß sie die Vollstreckung des mütterlichen Testaments »vernehmen konnte. DiesesTestament aber war verhängnißvoll, unheilschwanger und — unangreifbar; seine Legatefielen nicht in die Sinne, sie wurden an Erbnehmer ausgezahlt, die jeder äußernGewalt Trotz bieten und die innere langst übertäubt haben. Ihr Name heißt Unge-horsam und Empörung gegen jede Autorität, göttliche wie menschliche, und ihr Schi-boleth — Selbstbestimmung und Selbstregierung. Man könnte lächeln oder mitleidigdie Achseln zucken ob solcher unreifen Idee eines kranken Gehirns, wenn sie damit zu-frieden wäre, neben so mancher andern Tollheit ihre Entelechie zu behaupten; tritt sieaber die Vernunft selbst mit Füßen, und Alles, was die Vernunft uns erkennen undachten lehrt, was dann? Einzelne Narren lassen sich einsperren, einzelne Bösewichterdurch den Henker unschädlich machen; aber welches Sterblichen Scharsblick dringt indie tausend und abermal tausend verborgenen Schlupfwinkel von eben so vielen tau-send Herzen, worin das unsichtbare Gift ungestört waltet? Und hätte der Blick eSauch aufgespürt, wo ist die sterbliche Kraft, die eS zu tödten und auszurotten ver-möchte? Darf es daher Wunder nehmen, daß Richelieu'S Werk unvollendet blieb?Oesterreich lag gelähmt zu Boden, bis Wallenstein ihm wieder aufhalf; Frankreichs trotzigste Kronvasallen deckte der Rasen oder sie waren zu geschmeidigen Höflingengeworden; die Hugenotten waren ihres Einflusses als Partei beraubt, und konntennur als treue Unterthanen des Königs ihre staatsbürgerlichen Rechte ungefährdeterhalten. So ist eS, und doch war Frankreich durch Oesterreichs Schwächung nichtmächtiger, der Thron durch die Unterwerfung der Kronvasallen und Hugenotten nichtfester geworden, obschou ein Richelieu daS StaatSschiff lenkte. Cinq-MarS undde Thou, Marschälle und Kronfeldherren, bluteten auf dem Schaffst; Andere, minderschuldig, oder fügsamer, kamen mit einem unfreiwilligen Aufenthalt in der Bastille davon, und Alle, strafbar oder verdächtig, oder auch keinS von beiden, Alle zittertenbei dem bloßen Namen Richelieu. Auch das ist wahr. Richelieu war gefürchtet,mehr gefürchtet, als je ein König seines Landes, selbst mehr, als Ludwig IX. ; manknirschte vielleicht heimlich mit den Zähnen, aber man gehorchte und schwieg; wensein stolzes, Verachtung oder Vernichtung weissagendes Auge durchbohrte, der ver-wünschte vielleicht den unbeugsamen Richelieu, bückte sich aber gewiß um so tiefer vordem Hoheit ausstrahlenden Staatsmanne, — und schwieg. DaS war viel und dochbei weitem noch nicht genug. Die Furcht stirbt mit dem, der sie einflößt; wenn dieliniere Anerkennung der Autorität fehlt, und wo diese Anerkennung vorhanden, dabedarf eS der zwingende» Furcht nicht. Richelieu'S achtzehnjährige Staatsverwaltungwar im Ganzen, mit Ausnahme der Stiftung der französischen Akademie und einigernoch stehenden öffentlichen Gebäude, eigentlich ein großes Zerstörungswerk, und mnßtees seyn; die Zeit verlief ihm unter beständigem AuSreißen von Unkraut und Gift-pflanzen, deren Same jedoch fortwucherte unv der fleißigen Hand spottete; und alser vielleicht doch hin und wieder ein kleines Feld zur Aufnahme nützlicher Gewächsein Stand gesetzt halte, da forderte ihn Gott zur Rechenschaft. Mit seinem Tode hörteder Kampf nicht auf, er wurde bloß mit andern Waffen geführt. Richelieu hatteseine Feinde zermalmt. Mazarin wußte sie durch kluges Nachgeben zu täuschen undfür den Augenblick zu beschwichtigen: allein, daS unter der Asche glimmende Feuerloderte doch immer wieder auf, und so verging auch diesem StaatSminister die Zeitunter lauter Löschanstalten. Die Reibungen mit dem Parlament überlebten auch ihn,denn die Reitpeitsche des jungen Ludwig'S XIV. konnte doch wohl keine Radikalkurheißen. Die Regierung dieses Monarchen verfloß unter Kriegen, die daS Land ent-völkerten und an den Bettelstab brachten, und den prachtvollen Hof von Versailles dürfen wir jetzt wohl ohne Scheu ein übertünchteS Grab nennen. An Besänftigungder Gemüther durch weise Strenge und Vernünftige Zugeständnisse war nicht zu denken;sie wurden täglich wilderund zuchtloser, und der überall eben so wohlthätige als noth-wendige Einfluß der Religion sah sich durch unverständliche Eingriffe in die Rechteder Kirche gelähmt. „l/6wt esst moi", das war deS Königs Wahlspruch, uudder Glan; seiner „Sonne " sollte Göttliches und Menschliches überstrahlen. Im