Ausgabe 
14 (24.9.1854) 39
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der Whigs und Peelilen einerseits und der Partei der Torieö anderseits schien dieRegierung schon von selbst darauf angewiesen zu seyn, sich der Unterstützung der Jrlän-der zu versichern. ES hat nun allerdings das jetzige Cabinet in dieser Session keineTitelbill eingebracht, wie Russell, und keine königliche Proklamation gegen katholischeProcessionen und gegen die AmtStracht der katholischen Priester erlassen, wie Derby,überhaupt nicht in eclatanter Weise die Rechte und Gefühle der Katholiken verletzt;aber von einer billigen und geneigten Gesinnung gegen die Katholiken war in demBenehmen der Minister nicht manche Spur zu finden.

Von Parität ist wohl in keinem protestantischen Staate so wenig die Rede, wiein England , und selbst die jetzigen Minister scheinen sich mit dem Gedanken gar nichtbefreunden zu können, daß die katholischen Unterthanen der Königin doch auch einigenAnspruch auf Berücksichtigung ihrer religiösen Interessen haben. Die sämmtlichenkatholischen Bischöfe der vereinigten Königreiche wandten sich in einer Denkschrift andas Ministerium mit der Bitte, doch für die religiösen Bedürfnisse der zahlreichenKatholiken im Heere und auf der Flotte, namentlich während des jetzigen Krieges,bessere Fürsorge zu treffen: Lord Aberdeen antwortete mit einigen schönen Redensartenund mit einer bittern Abweisung. Zu wiederholten Malen wurden die religiösen Be-dürfnisse der Katholiken auf der Flotte im Unterhaus? zur Sprache gebracht: Sir JameSGraham berief sich dem gegenüber auf diebestehenden Reglements." Man kann LordPalmerston die Anerkennung nicht versagen, daß er als Staatssecretär des InnernManches gethan hat, um den katholischen Geistlichen den Zutritt zu Gefangenen und'Sträflingen kaiholischer Confessiou zu ermöglichen; aber auch in dieser Hinsicht ist nochviel zu wünschen übrig, uud als Palmerston beim Unterhause eine kleine Vergütungfür einige katholische Geistliche, welche die Gefängnisse besuchen, beantragte, da gelangeS den Fanatikern rechts und links, eine kleine Majorität gegen den Antrag zusammenzu bringen.

Die gegen die Kirche feindlichen Anträge, welche in der verflossenen Session zurDiscnssion gekommen sind, gingen nicht von dem Ministerinin aus; die meisten Mini-ster haben dagegen gestimmt, einige dagegen gesprochen; aber auch bei denjenigen An-trägen, welche von einzelnen Ministern ganz entschieden als ungerecht uud verwerflichbezeichnet wurden, ist nicht das Cabinet als Ganzes zu Gunsten der Katholiken auf-getreten und eben so wenig hat es seinen Einfluß auf die ministerielle Partei in diesemSinne geltend gemacht. Solche antikalholische Anträge gingen auch keineswegs bloßvon Mitgliedern der Opposition auS; einer der schmählichsten darunter, der Antragauf eine Untersuchung der Frauenklöster durch eine besondere Commission, hat einer.Whig, T. ChamberS, zum Urheber, und wiewohl Lord I. Russell mit anerkennungS-werthem Eifer dagegen sprach, haben viele seiner Partei, namentlich die schottischenLiberalen, welche sich überhaupt durch antipapistischen ZelotismuS auszeichnen, dafürgestimmt. Ein ähnlicher gegen die Klöster gerichteter Antrag ist bekanntlich schon inden zwei oder drei letzten Parlamenlssessionen gestellt, aber jedesmal durchgefallen.Dicßmal hat ChamberS mehr Glück gehabt: das Unterhaus beschloß wirklich die Niedcr-sctzung einer Untersuchungscommission; die Mitglieder derselben waren bereilö vorge-schlagen und nur dem unermüdlichen Widerstande und der geschickten Taktik einigeririschen Mitglieder ist es zu danken, daß für dieses Jahr noch das Scandal eines Ver-hörs der englischen Klosterfrauen durch UnterhauSmirglieder unterbleibt. Die Geschäfts-ordnung des englischen Parlaments gibt bekanntlich den einzelnen Mitgliedern und derMinorität viele Mittel an die Hand, sich einigermaßen gegen Unterdrückung durchMajoritäten zu schützen; zwei Mitglieder können immer auf Vertagung der Debatteund auf Schluß der Sitzung antragen und jedesmal eine förmliche Abstimmung überdiesen Antrag verlangen; die Majorität kann nie gewaltsam die Debatte abschneidenund dergleichen. An sich ist eS nun freilich ein Mißbrauch der Geschäftsordnung, wenneinige Mitglieder bei einer offenbaren Majorität und nach vollständiger Erschöpfungdes Gegenstandes durch solche Mittel die Erledigung einer Frage hinausschieben; aberwer will eS den katholischen Jrländern verargen, wenn sie einer Majorität gegenüber,