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Kirchen und kirchliche Bauwerke an den heiligen Stätten des
Morgenlandes.
Bon Prisac,
Die heiligen Stätten deS Morgenlandes, und namentlich jene von Jerusalem und Bethlehem , haben sowohl wegen ihrer Wichtigkeit an sich, als wegen der wich-tigen diplomatischen Streitsragen, die sich neuerdings daran knüpfen, augenblicklichwieder die Aufmerksamkeit und Theilnahme von ganz Europa , so wie eines nichtunbedeutenden Theiles von Asien erregt. Wir gedenken aber hier nicht, den dunkelnVorgängen einer byzantinischen Politik zu folgen, oder von der andern Seite die wohlverbrieften und begründeten Rechte der Katholiken in Bezug auf jene Fragen zu schil-dern, sondern wir halten uns diesmal an dem Architektonischen, Künstlerischen undKunstgeschichtlichen . So müssen wir aber gleich Anfangs bemerken, daß jener bekannteSpruch: „Wo der Türke seinen Fuß hinsetzt, da wächst kein Gras mehr," nicht bloßauf die morgenländischen Zustände im Allgemeinen, sondern auch vorzüglich hier paßt.Kommen Sie nach dem heiligen Lande, so sehen Sie nichts als Ruinen, es umgibtSie nichts als Trauer und Elend. Die Natur selbst scheint sich umgeändert zu habenund unter dem Fluche zu seufzen. Nur hier und da scheint die Hand Gottes wiederdurch, und Sie können sich überzeugen, daß Sie sich doch noch immer in demgelobten Lande befinden. Schwerlich möchten Sie einen Teppich bunter und prächtigerwirken, als die Blumengcfilde jener Lande, die Sie ans allen Wegen und Stegenantreffen. Nichts gleicht ihrer Farbengluth, und es ist nicht umsonst gesagt, wennSalomo in seiner königlichen Pracht von der Herrlichkeit und Schönheit der Lilien undBlumen der Felder spricht. Das Getreide in Galilää und Samaria trägt hundert-fältig, wie eS im Evangelium steht; aber in den duftigen Blumen, in dem Tymiandes Carmel keine Biene, in dem schönen Getreive riesenhohe Disteln, Stengel anStengel, die Mann und Pferden wie hohes Strauchwerk über den Kopf gehen, unddas Land der Verheißung, das einst von Milch und Honig floß, hat keine Land-bewohner, die es bauen, wenige Städte, nur hier und da einige elende Steinhütten,die ein stinkendes »Dorf bilden, vor dessen Wohnungen man den Kameelmist alsBrennmaterial anhäuft, aber desto mehr Ruinen und darunter Ueberbleibsel der präch-tigsten und schönsten Bauwerke, die eS nur geben kann, und zwar aus jener Periode,die wir für die beste der christlichen Zeitrechnung halten. Denn die abendländischenHeereSzüge kamen in dem Anfange ihrer Kreuzfahrten schon mit großen Bauerfahrun-gen und mit Begeisterung dorthin, und überall, wo sie irgend einen in der heiligenSchrift durch Erinnerung an den Heiland, seine seligste Mutter oder die Apostelgeweihten Ort fanden, erbauten sie auch eine Kirche und neben der Kirche zur Wah-rung deS Dienstes ein Kloster. Es war aber damals noch die blühende Periode des12ten und 13ten Jahrhunderts, und nirgends fand sich besseres Material als in deman prächtigen Bausteinen so reichen Palästina. Mitunter waren freilich die Zeitendrangvoll, und wurde bei Befestigung der Städte in einer solchen Noth in einer Weiseverfahren, die wir keineswegs billigen wollen und die wir hier um so weniger zurechtfertigen haben, als sie bei keinem Kirchengebäude in Anwendung kam, sondernnur an Schlössern und Hasenwerken, wie in Cäsarea, Laodicea, Rhodos u. a,; näm-lich man setzte die köstlichen Säulen von ägyptischem Granit, Gallo antico, Rossoantico, oder noch prächtigerem Materials, die man aus dem Alterthume vorfand, wierohe Bausteine als Querlage ein, also daß der Ritter Joinville in seinen Memoirensich wohl nicht so ganz mit Recht wundern konnte über die Schnelligkeit, womit derheilige Ludwig Cäsarea ausbaute. Im Kirchenbau verfuhr man ganz anders, undschon gleich beim Eintritte in das heilige Land beweisen die schönen Ruinen an derKirche des heiligen Georg in Lydda , daß hier und da die durch das Christenthumverherrlichte germanische Zeit in seinen edelsten Formen gewaltet. Dazu kommt noch,