Ausgabe 
14 (5.11.1854) 45
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Familienkreise ohne Rückhalt erzählen zu hören, und waS wir da hörten, ist gewißächt.Nichts ist wahrer," sagte Frau de Billette,als waS Tronchin von den letztenAugenblicken Voltaire'S versichert. Dieser schrie fürchterlich, wälzte sich hin und her,rang die Hände, zerkratzte sich mit seinen Nägeln; ein paar Minuten vor seinem Todeverlangte er noch nach dem Abb6 Gautier. Frau de Billette wollte nach einem Prie-ster schicken; Boltaire'S Freunde, die im Hotel Posto gefaßt hatten, hintertrieben es,weil sie besorgten, die Gegenwart eines Geistlichen, der den letzten Seufzer ihresPatriarchen empfinge, möchten dem Werk der Philosophie schaden und ihre Anhängerlauer machen, die ein solcher Schritt ihres Oberhaupts verurtheilt hätte. Als derverhängnißvolle Augenblick nahte, verdoppelte sich die Verzweiflung des Sterbenden:er schrie, eine unsichtbare Hand schleppe ihn vor den Richterstuhl Gottes, rief unterschrecklichem Geheul zu Jesus Christus , den er sein ganzes Leben hindurch bekriegte,verwünschte die Gefährten seiner Gottlosigkeit, und bestürmte den Himmel abwechselndmit Bitten und Schmähungen." Auch daß ihn ein brennender Durst gefoltert, dener durch ein so ekelhaftes Mittel habe stillen wollen, ward von Frau de Billettebestätigt. Dann stieß er den letzten Seufzer auS, und starb inmitten einer Lache seinesBlutS, das ihm auS Mund und Nase geflossen war. Also haben Condorcet undWagnwre, die ihn ruhig sterben lassen, nicht die Wahrheit berichtet." Graf Fusse,der mit Villevieille und Billette bei Voltaire's Hinscheiden zugegen war und sich ausdie Beiden beruft, will noch folgende Ausrufungen des Sterbenden gehört haben:Der Teufel ist da, er will mich fassen ... Ich sehe ihn, ich sehe die Hölle; ver-bergt sie mir!" So starb am 30. Mai 1778, Abends ein Viertel nach eilf, FranzMaria Arouet de Voltaire, Graf von Tourney, Herr von Ferney , KammercavalierdeS Königs in ordentlichem Dienst, Mitglied der^»d^mie lrgrwsisk" und fast allerAkavemieen von Europa Für ihn war alle Herrlichkeit der Welt dahin; seine Schätzewie sein Ruhm blieben in ihr zurück, sie konnten ihm dort keine Dienste leisten. Erwar ans immer in die Hand Dessen gefallen, Den er nie geliebt, den er aber dochnicht ganz aus seiner Vernuufr hatte veidräugeu können Seine sterbliche Hülle wardfern von Paris in der Stille begraben, die Revolution brachte seine Gebeine insPantheon, Ludwig XVIII. ließ sie von da wegschaffen und auf einem der städtischenKirchhöfe beerdigen, und dort sind sie weiter nicht gestört worden bis auf den heutigenTag. Ob ihnen noch eine Wanderung bevorstehe, wer kann'S wissen? DaS aber läßtsich ohne Sehergabe vorans sage», daß diese Wanderung auch von neuen Stürmenbegleitet seyn würde. Gibt ein Mittel, diese zu beschwören? Wir glauben ja;aber wir glauben nicht, daß eine Polemik gegen Voltaire und seine Schriften dasrechte Mittel zum Zweck sey. DaS aus Naturnotwendigkeit in diesen wie in seinemLeben ohne Parteinahme psychologisch und ästhetisch nachweisen; die Falschheit vonGrundsätzen zeigen, deren consequente Anwendung die Auflösung der Gesellschaft zurFolge haben würde; vor maßloser Zweifelsucht warnen, die weder Kritik noch Weis-heit ist, und worauf vielleicht mit dem Arwm zu antworten, daß das Gefäß größerals der Inhalt; endlich noch die Erinnerung an einige der Besten und Hervorragendstenunserer Gattung, die bei der gründlichsten Gelehrsamkeit und nicht geringerm Scharfsinnund Talent weise genng waren, den Gefahren des Dünkels nicht trotzen zn wollendieß dürften wohl einige wesentliche Bestandtheile jenes Mittels seyn, wodurch wiruns der Zukunft versichern könnten. Dreien davon haben wir bereits unsere Aufmerk-samkeit zugewendet und sie, so weit eS Zeit und Ort gestattete, nach Möglichkeiterledigt; den vierten hatten wir uns für den Schluß aufgehoben, und ihn soll jetzt dieReihe treffen. Nur wolle man nicht vergessen, daß wir ihnErinnerung" nannten;eine Erinnerung aber ist kurz, bindet sich an keine methodische Ordnung, und eilt zumZiel. So wird auch die unsrige beschaffen seyn.

Dcr Sohn deS SophroniskuS, den das Orakel zu Delphi für den weisestenSterblichen erklärte, war in allen menschlichen Dingen wohl erfahren, begnügtesich aber in den göttlichen sich an den Volksglauben zu halten, und schämte sichnicht zu gestehen, daß der Geist in seiner Hülle davon nichts wissen könne. DaS