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zeigte er auck noch in jenem entscheidenden Augenblick, wo jede Larve sinkt, wo keineVerstellung mehr Stich hält, wo selbst der Unwahrste wahr wird, — und SokrateS hatte sich nie verstellt. Als er aber den Schierlingsbecher geleert, da ermähnte er nochseine Freunde, dem AeSkulap den für seine (geistige) Genesung schuldigen Hahn zuopfern, und dann legte er sich nieder, um nicht mehr aufzustehe». Als der Heilandnoch in menschlicher Gestalt auf Erden wandelte, da versuchten ihn die Pharisäer mitdem bekannten ZinSgroschen; und als sie auf seine Gegenfrage: „wessen ist dieß Bildniß!"mit „des Kaisers" geantwortet, da sprach er mit verweisendem Ton: „Nun, so gebtdem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist!" Cicero's Glaube an dieGottheit war unerschütterlich. Der Zweifler gab es damals wie früher und später,und eS mag ihm mehr denn Einer seinen „Irrthum" vorgehalten haben. Er aber,der'S vermuthlich satt hatte, mit Leuten zu streiten, die nur ihre Gründe gelten lassen,fertigt sie ein für allemal ab, ohne ihnen gerade zu widersprechen. „Gut," sagte er,„wenn ich irren sollte, so irre ich gern, und diesen Irrthum, de.- meine Wonne ist,soll man mir zeitlebens nicht entreißen. (OuocI si errein, lidenler erro, et Kunoerrorem, <zuo lieleetor, mini czuosci vivsm extorcjueri non patisr)." Ein Geistlicherwollte einem Sterbenden die letzte Weg;ehrung bringen. Er mußte über einen Bach;der aber war vom Regen so angeschwollen, daß an'S Durchwaten nicht zn denken.Eine Minute verstrich nach der andern, das Wasser will sich nicht verlausen, und derTod wartet nicht. Die Verlegenheit deS berufstreuen Priesters wächst mit jederSecunde. Da kommt ein stattlicher Herr desselben WegS geritten; kaum sieht er, waseS gilt, flugS springt er aus dem Sattel, dringt dem ihn wohl kennenden DienerGottes sein Pferd auf, und wandelt zu Fuß weiter. Am folgenden Tage steht derPriester mit dem Pferde vor der Burgpforte und verlangt Einlaß. Der Burgherraber will von Zurückgabe nichts hören und spricht: „Das verhüte Gott , daß ich einThier, so meinen himmlischen Herrn und Vater getragen, wieder zurücknehme und zuweltlichen Verrichtungen gebrauche! Es ist fortan seinem heiligen Dienste geweiht;nehmt'S hin und zieht in Frieden." Dieser Herr war kein anderer, als Graf Rudolphvon HabSbnrg, der sich später als deutscher Kaiser eben so weise als tapfer bewies.Newton studirte nicht bloß in den Sternen, sondern auch in der Bibel, und zwarnicht mit der eitlen Absicht, seine Gedanken in sie hineinznklügeln, sondern um immerliefer in ihren Sinn einzudringen. Buffon schildert die Natur als strengphilosvphischerBeobachter, und entblößt als demüthiger Christ sein Haupt, so oft er den Namenihres Schöpfers auSspricht. Bossuet und Fen6lon gehören zu den gelehrtesten, aberauch zu den frömmsten Männern ihrer Zeit. Racine, der gründliche Kenner deSclassischen Alterthums und Liebling der Musen, verherrlicht Gott in Versen, wie folgende:„Lelui <zui met un lrsin la tureur des llots,„8sit aussi ctes wecnsnts grröter Ie8 comnlots:„8oum>5 svee respecl s ss volonlv ssinte,„5e crains Dien, ober .4bner, et n'si point cl'sutre criiinte."(Der den empörten Wellen einen Zügel anlegt, weiß auch die Anschläge derBösen zu hemmen: mit ehrfurchlsvoller Ergebung in seinen heiligen Willen fürchte ichGott , theuer Abner, und sonst nichts.)
Galler und Graf Etolberg, nicht minder gelehrt und begeistert, feiern den Siegder „Thorheit" deS Kreuzes über die „Weisheit" rer Welt. Tiedge führt uns denZweifler vor, und zeigt uns den Gewinn deS Grübeins:
„Stolze Weisheit, durftest du mir'S rauben,
„Das erhaben stille Seelenglück?
„Nimm, was du mir gabst, nur meinen Glauben,
„Meine Hoffnung nur gib mir zurück!
„Daß mein Haupt auf ihren Sch'ooß sich neige,' „Und dieß Herz, das schwere Seufzer trug,
„Ihr die Narben von den Wunden zeige,
„Welche mir das harte Leben schlug!