Ausgabe 
14 (19.11.1854) 47
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Zur Frage über die unbefleckte Empfängniß Maria.

Um vielen vorkommenden ganz unrichiigen Auffassungen dieser Frage zn begegnenveröffentlicht dieLandöhuter Zeitung" auS kundiger Feder nachstehende Erörterung,die wir auch unsern Lebern hier mittheilen:

ES handelt sich nicht darum, ob JesuS Christus von Maria ohne Erbsündeempfangen worden sey (venn das versteht sich von selbst, weil Christus in Einer undderselben Person Gott und Mensch zugleich ist und Seine Empfängniß unmittelbar vomheiligen Geist bewirkt wurde); sondern darum handelt es sich, daß der bereits allge-mein geglaubte Sa«): Maria selbst, obwohl sie nur auf natürlichem Wege wie wirvon Adam abstammt, sey wegen Christus, dessen Mutter sie werden sollte, und aufGrund Seiner unendlichen Verdienste ohne die Makel der Erbsünde empfangen wor- .den, daß dieser bisher freiwillig geglaubte Satz, sage ich, nunmehr zu einemförmlichen Dogma oder gebotenen Glaubenssatz festgestellt werden soll.

Der Unterschied zwischen einem förmlichen, verbindenden Glaubenssatzeund einem freigestellten, wenn auch allgemein geglaubten Satze ist nämlich der:Wenn eine Lehre förmlich als Dogma oder verbindender Glaubenssatz von der katho-lischen Kirche zu glauben vorgestellt wird, so muß ein Katholik eine solche ausdrücklichbestimmte Glaubenslehre als unfehlbare, göttliche Wahrheit gläubig annehmen, wenner anders vor Gott noch als ein Katholik gelten will, und darf auch ohne Sündenicht daran zweifeln, weil der Verheißnna Cbristi gemäß die Entscheidungen der Kirchein Glaubenssachen ebenso unfchlbar, richtig und wahr sind, wie jede andere göttlichgeoffenbarte Wahrheit. Hingegen, wenn -eine Lehre noch nicht als förmlicher Glau-benssatz von der Kirche ausgesprochen ist, so würde man, wenn man innerlich nichtdaran glauben wollte, noch keineswegs aufhören, ein Katholik zu seyn, auch wennalle übrigen Katholiken daran glauben. Jedoch wäre es eine sehr gewagte und unterUmständen auch sündhafte und freventliche Sache, sein eigenes Urlheil über daS derGesammtheit der Gläubigen zu setzen, auch wenn eS sich nur um eine von den Gläu-bigen allgemein angenommene und geglaubte fromme Meinung handelt. Es gibl inder katholischen Kirche mehrere allgemein geglaubte Wahrheilen, die aber doch nichtals förmliche Glaubenslehren mit der strengen Verbindlichkeit, selbe zu glauben wieandere Glaubensartikel, ausgesprochen und bestimmt sind. So wird auch die Lehre,daß die seligste Jungfrau unbefleckt, d.h. ohne Erbsünde empfangen worden ist, überallin allen kacholischen Ländern deS Erdkreises allgemein geglaubt; auch der Papst unddie Bischöfe der katholischen "Kirche glauben daran, und die Päpste haben in diesemihrem Glauben daS Fest der unb-fleckten Empfängniß am 8. Dcc. jeden Jahres ein-gesetzt und unter schwerer geistlicher Strafe verboten, die gegentheilige Ansicht, als seyMaria nicht ohne Erbsünde empfangen worden, öffentlich auSzusprechen, zu lehrenund zu vertheidigen. Deßungeachtct war diese Lehre bisher nur eine in der katholi-schen Kirche allgemein geglaubte fromme Meinung, nicht aber eine förmliche Glaubens-lehre, so daß alle Katho iken daran auch innerlich zu glauben nothwendig verbundenund verpflichtet gewesen wären. Nachdem aber der heilige Vater auS allen Theilender Christenheit mir Bitten bestürmt wurde, der Lehre von der unbefleckten EmpfängnißMariens durch eine feierliche Entscheidung und Beschlußfassung daS Siegel kirchlicherBeglaubigung aufzudrücken, so daß Niemand mehr belügt wäre, dieselbe in Zweifel zuziehen: da sah sich vor einigen Jahren Papst PiuS IX. veranlaßt, von allen Bischöfendes katholischen ErdlreiseS in dieser Angele enheit ein Gutachten abzufordern; undnachdem diese Lehre mir einer Sorgfalt und Umsicht, wie sie mit menschlichen Kräftennur irgend möglich ist, geprüft, mit u»wider!?g!ichcn Gründen bestätigt und auS denheiligen Lehrern und Vätern der Kirche von den ältesten Zeilen der Kirche an nach-gewiesen worden: so will nunmehr der geistliche Statthalter Jesu Christi auf Erden,Papst Piuö IX., die allgemein geglaubte fromme Meinung von der unbefleckten, ohneErbsünde geschehenen Empfängniß Mariä zur größeren Ehre Gottes und zur besondernVerherrlichung Mariens, deren Fürbitte namentlich unserer Zeit so überaus Noth thut,