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5 (23.3.1845) 12
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SS. März

Die Gebrechen unserer Zeit. ^)

Die Zeiten, in denen wir leben, sind schlecht; die Noth istgroß und der Jammer arg!" Diese Klage, tausendfach wirdsie erhoben und sie wiederhallt in den verschiedensten Kreisen desLebens. Und wer will läugnen, daß unsere Zeit Erscheinungendarbiete, die jeden denkenden Beobachter mit gerechter Besorgnis,erfüllen? Jener laute Klageruf er will und kann nicht ersticktwerden; aber man wird zugeben, daß mit allem Jammern undKlagen wenig oder gar nichts geholfen ist. Oder, wenn' einStrom den schützenden Damm durchbricht und die Wasscrsluthenverwüstend über die Fluren und Felder hereinstürzen, was nütztes, händeringend am Ufer zu stehen und mit Thränen im Augeüber die schonungslos zerstörende Wasscrgcwall zu klagen , so mannicht Hand anlegt, die entstandene Lücke auszufüllen und die an-bremsenden Wogen in ihr altes Strombett zurückzudrängen?Eben so unnütz und fruchtlos ist das ewige Klagen über dieschlechten Zeiten, über den Druck und Drang der gegenwärtigenVerhältnisse, wenn man nicht nach dem Grund und Ursprung derZcitübcl forscht, und nicht allen Ernstes bemüht ist, die Quellen,aus denen die umsichgrcifcndcn Bedrängnisse strömen, abzuleitenund zu verstopft». Das Erste, was vernünftigerweise zu thun ist,besteht darin, daß man die Uebel und Gebrechen der Zeitfest in's Auge fasse und ihre Ursachen und Quellen sich zum Be-wußtseyn bringe. Ist dieß geschehen, und hat man sich die Sün-den und Gebrechen aufrichtig gestanden, so gilt cS, die Mittelkennen zu lernen und sich ihrer zu versichern, die da geeignet sind,den Zcitübcln zu steuern oder den unabwendbaren Bedrängnisseneine Seite abzugewinnen, die zum wenigsten ihre vcrwundcndsteSpitze abstumpft und einen Umschwung zum Bessern einleitet.

Das Jammern und Klagen über die schlechte Zeit ist, wieschon gesagt, etwas gar Unnützes; aber es ist auch nicht wenigthöricht. Denn wer macht die Zeiten gut oder schlecht? Weranders als die Menschen mit ihren Tugenden oder Lastern?Die Zeit kann man ihnen sagen ist, wie ihr sie machet;und klaget ihr sie an, so wird sie mit den Worten des Dichterseuch entgegnen könne«:

°) Auf den Wunsch mehrerer Leser der Neuen Sion entnommen.

Lästert nicht die Zeit, die reine! Schmäht ihr sie, st' schmäht sie euch!Denn es ist die Zeit dem weißen, unbeschriebenen Blatte gleich;Das Papier ist ohne Makel, doch die Schrift darauf seyd ihr!Wenn die Schrift nicht just erbaulich, nun, was kann das Blatt dafür?Seht, es ist die Zeit ein Saatfeld! da ihr Disteln ausgesät,Ei, wie könnt ihr drob euch wundern, daß es nicht voll Rosen steht?"

Die Klagen über schlechte Zeiten, recht verstanden, sindSclbstanklagen des Menschen. Wollt ihr die Quelle» undWurzeln der Zeitgebrechen finden, so greift in eure Brustund blicket eurer Lebensweise fest in's Auge, und ihr werdet sieentdecken.

Nur die Hauptqucllen, woraus die betrübenden Zciterschci-nungen fließen, sollen hier genannt, nur die Grundwnrzcln,daraus sie sprossen, bezeichnet werden.

Unter denselben nimmt der vielfach verbreitete Un-glaube die erste Stelle ein. Es gab nicht leicht eine Zeit, inwelcher der Unglaube kecker und frecher sein Schlcmgcnhaupt erhob,als dieses in unseren Tagen geschieht; wenigstens waren die Grund-sätze des Unglaubens in keiner andern Zeit verbreiteter, als in derunsrigen. Die Zeiten, in welchen der Unglaube in den Palästenthronte und unter den höheren Ständen seine Pflege fand, sindvorüber. Damals gehörte es in jenen Kreisen zum guten Ton,über Religion und Glauben zu witzeln und zu spötteln. Wer aufden Namen eines Gebildeten, auf den Ruhm eines großen aufge-klärten Geistes Anspruch machen wollte, der durfte sich in keinerKirche blicken lassen, der mußte mit der Religion förmlich gebro-chen haben; genug, wenn er sie nur noch als Zügel nnd Zaumfür die niederen, ungebildeten Volksclasscn bestehen ließ. DieseZeiten sind vorüber; in unsern Tagen sind es gerade Personen ausden höchsten Ständen, die in religiösen Dingen mit einem rühm-lichen Beispiele vorangehen. Die Religion, früher verwiesen ausden Prunkgemächern der Großen, ist wieder eingezogen durch diePforten der Paläste; mit aufrichtiger ungeheucheltcr Verehrungbeugen sich Vornehme und Hochgestellte vor der beseligenden Machtdes Glaubens. Während aber auf den Höhepunctcn der Gesell-schaft vielfach die Morgenröthe eines erneuten religiösen LebcnSaufgegangen ist, verbreitet sich die Nacht des Unglaubens mit jedemTage drohender über die mittleren und niedern Regionen. Esscheint, als seyen mit den Moden auch die ihnen anklebenden Sit-ten und Grundsätze in diese herabgcwandert. Geht in das Waaren-