Ausgabe 
5 (23.3.1845) 12
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gcwölbe des Kaufmannes, in die Werkstätte des Handwerkers,tretet in das Haus des Bürgers, steigt in die Hütte des Land-mcinnS hinab, überall werdet ihr Spuren frechen Unglaubens tref-fen, leichtfertige Reden über Religion und Sitte hören und einZeichen religiösen Klaubens um das andere verschwinden sehen.Die Puncte, die hier angegriffen und hinweggeworfen werden,sind jene, welche so recht in'S praktische Leben eingreifen und inihrer Läugnung geeignet sind, der Gesellschaft ihre haltbarstenStützen zu entziehen und ihre tiessten Grundlagen zu unterwühlen.Schreitet der Unglaube in diesen Kreisen immer rascher fort, steckter mit seinem Pcsthauche die Classen der Gesellschaft, auf denenein so großes Gewicht des öffentlichen Wohles ruht, mehr undmehr an, so erstarkt dadurch die tiefste Wurzel des Verderbens,und es kann nicht fehlen, daß sie immer üppigere, unheilvollereAuswüchse hcrvortrcibt.

Eine zweite Quelle der Zeitübel ist die herrschende Ge-nußsucht. Diese Quelle fließt von selbst aus erstgenannter.Wo der Mensch aufgehört hat, an eine höhere Ordnung derDinge, an eine vergeltende Ewigkeit zu glauben, da wird er hierauf Erden sich heimisch zu machen unv sein Paradies zu pflanzensuchen. Wenn ihr darum in unserer Zeit ein so außerordentlichesRennen und Jagen nach sinnlichen Genüssen wahrnehmt, wennihr seht, wie alle Kräfte sich dahin vereinigen, das irdische Daseynmöglichst behaglich und genußreich zu gestalten, verräth dieß nichtdeutlich genug, daß man die Freuden des Jenseits aus dem Augeverloren und nimmer nach ihnen trachtet? Wo die Sünde,wo das künftige Gericht, wo die Höllcnstrafen geläugnet werden,da wird auch aller Unterschied zwischen erlaubten und unerlaubtenGenüssen hinwegfallcn; man wird sich jeden Genuß gestalten, derden Sinnen schmeichelt; man wird vor keinem Mittel zurückbeben,mag es auch noch so schlecht seyn, wenn'S nur zur Befriedigungder Gelüste führt; man wird keine Schranke, auch die heiligste,nicht mehr achten, sobald sie der Lüsternheit und der Leidenschaftim Wege steht. Und in der That, blickt hinein in das Lebenund Treiben der Genußsüchtigen unserer Tage! Greifen sie nichtnach jeglichem Genuß? Erlaubt oder unerlaubt: darnach fragensie nicht. Und weil sie mit vollen Zügen aus dem Becher derWcltlust kosten wollen, darum dürfen sie's auch mit den Mittelnnicht genau nehmen: sey'S Lug oder Trug, Uebervortheilung oderDieberei, gleichviel, wenn's nur Gewinn abwirst, eine ergiebigeGoldqucllc eröffnet und zum lockenden Ziele führt. Man hörtallgemein über die Unredlichkeit, über die Unzuvcrläßigkeit, überBetrug und Uebervortheilung in Handel und Wandel klagen: keinWunder, wenn man sieht, wie Alles nach den Pforten des Ge-nusses sich hindrängt. Wie anders wäre die übertriebene Pracht,der außerordentliche LurnS möglich, der Einem allüberall begegnet? Wie wenig bürgerliche Häuser sind noch die Wohnstättcnschlichter, einfacher Lebensweise und Einrichtung! Wie wenige Fa-milien ziehen »och die stillen häuslichen Freuden den rauschendenöffentlichen Lustbarkeiten vor! - Drängt sich nicht Alles aus demhäuslichen Kreise hervor, sobald eine öffentliche Ergötzlichkcit winktund sich eine Gelegenheit darbietet, öffentlich zu prunken und zuprangen? Ucbcrbietct nicht Einer den Andern in allen Artenüppiger Wcltlust? Suchen nicht alle Stände in Bezug auf Lebens-genuß sich völlig gleichzustcllcn? Geht nicht alles Sinnen undTrachten sichtlich dahin, immer neue und neue Genüsse zu erfindenund zu schaffen? Und kaum daß eine «eue Art des Genusseserfunden ist, eilt nicht Alles mit ängstlicher Hast, um ja sogleichdieses Genusses sich zu erfreuen? Und wenn zu den hundert undhundert VergnügungSplatzcn noch andere hundert hinzukommen,

ihr werdet sie alle voll und übervoll sehen; und wenn die Taumel-feste inm»er zahlreicher werden, man wird und dauern sieWochen lang ihrer nicht satt noch überdrüssig. Und so sehtihr denn eine unmäßige Genußsucht allverbreitet und damit eineQuelle geöffnet, aus der nothwendig Elend und Entartung, Zer-rüttung und Verarmung, Familienrutu und Zerfall des öffentlichenWohlstandes fließ'n müssen. Wenn diese Uebel und Leiden aufunserem Zeitalter lasten, wen will das Wunder nehmen?

Noch eine Quelle des herrschenden ZeirübclS will ich nennen:das allgemei»e Streben nach socialer Ungebunden-heit. Es ist ganz begreiflich, daß, wo Alles nach sinnlichenGenüssen jagt, die Wege der Genußsüchtigen sich nur zu häufigkreuzen müssen; es läßt sich denken, daß man Den, der Einemim Wege steht, nicht gerne sieht, und macht cr Miene, sich aufseinem Standpuncte zu behaupten, ihn um jeden Preis wegzu-drängen sucht. Unter solchen Umständen strebt Jedweder die Quel-len vcS Genusses für sich fließend zu machen und sie dem Andernabzuschneiden; daher die Veranlassung zu einer Menge feindseligerReibungen. Jedweder sucht die Mittel, in deren Besitz er ist,dahin zu verwenden, es Andern, Gleich- oder Höhcrgestclltcn anPrunk und Pracht gleich zu thun; eS bleibt ihm also nichts übrig,Nievrigstehende, Kümmerlichgcstellte zu unterstützen und ihnen zumUnentbehrlichsten zu verhelfen. Jedweder trachtet der Abhängigkeitvon Gebietenden, Höheren sich zu entwinden, dafür Seinesgleichen,so viele er Deren kann, sich zu unterwerfen und als Mittel zuseinen Zwecken zu gebrauchen. Jedweder ringt nach einer gebie-tenden Stellung, wo cr sagen kann: Ich habe nach Niemanden zufragen, bin mein eigener Herr! - Keiner will dienend, durchTreue und Ergebenheit sich Liebe und Dank verdienen. Der Ar-beitende sucht trotzig den höchsten Lohn zu erzwingen; der Zahlendehartherzig die niedrigsten Preise zu erpressen, bei denen jene kaumdem Hungertode entgehen. Einer ist dem Andern so lieb oder soleid, als er ihm nützt oder schadet.Er kann mir weder nützennoch schaden," sagt man und glaubt damit Grund genug zuhaben,ihn wegzuwerfen. Und diese eigennützige schlechte Gesinnung, sehenwir sie nicht in die heiligsten Verhältnisse des Familien- undFreundschaftslebens Hingeschlichen? Sehen wir nicht eheliche Bande,wenn sie für die Gatten aufgehört haben Quellen des Genusseszu seyn, geradezu aufgelös't, oder, wo dieß nicht angeht, dahingelockert, daß ein Jedes seine eigenen Wege wandelt nnd sich nacherneuten Quellen, oder besser, nach Psützcn schnöder Lust umschaut?Sehen wir nicht freundschaftliche Verbindungen in demselben Augen-blicke zerrissen, wo der Eine oder der Andere seine Rechnung nichtmehr dabei zu finden glaubt; ja, hat man nicht mehrcntheils mitRecht zu fürchten, es stecke eine eigennützige Absicht dahinter, wennsich so ein Freund mit süßer Rede herandrängt? Bei solchenVerhältnissen, die ich nicht weiter schildern will, kann es nichtfehlen-. cS muß ein Gefühl der Unbehaglichkeit sich durch den gan-zen gesellschaftlichen Organismus verbreiten, ein Gefühl allgemeinenDruckes, da bei der die herrschende Genußsucht begleitenden Selbst-sucht kein Glied das andere in Liebe stützt und trägt, sonderneines dem andern, statt dessen -Last zu erleichtern, vielmehr zurLast fällt und es mit seiner egoistischen Schwere niederdrückt, undbei dem krankhaften Streben nach Ungcbnndcnheit die eine freieBewegung schützenden und fördernden Schranken nicht als solchegeliebt unv gehütet, sondern als beengende, lästige Fesseln gehaßtund nur mit schmerzlichem Widerstreben ertragen werden.

Wir wollen es Nicht mehr weiter aufrollen dieses trübeGemälde. Wer mit den Zeitverhältnissen näher vertraut ist, wirddie Farben nicht zu grell aufgetragen finden. Vielleicht daß sie