Ausgabe 
5 (30.3.1845) 13
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zweite Ursache deö obwaltenden Zeitübels, die wir nanntm, ist dieherrschende Genußsucht. Diese wirkt specifisch dem Geist der Ent-sagung und Genügsamkeit entgegen.

Ein Hauptfehler unserer Zeit ist, daß man sich immer mehrBedürfnisse schafft und erkünstelt. Hieraus fließt die überhandneh-mende Verarmung, über die man durch alle Stände klagt. KeinWunder; denn arm ist Jeder, der seine Bedürfnisse und Genüsseüber die Linie seiner zureichenden Mittel hinauf steigert. Lernetdarum weniger brauchen, als ihr habt und ihr seyd reich,während der Vcrmvglichste bei unverhältnißmäßiger Genußsucht armist. Wenigstens ist Beschränkung snncr Bedürfnisse das einfachsteMittel, der drohenden Verarmung vorzubeugen, lernet mit We-nigem zufrieden seyn und damit ihr dieß könnet, so lernet dasWenige auf die rechte Weise genießen. Auf diese kommt esbeim Genusse an, nicht auf das Viel. Oder leben nicht Tausendein Voll und Genug und haben doch keine fröhliche Stunde?Ist nicht bei den noch so rauschenden Freudenfesten unsererTage dennoch ein peinlicher Mangel an Fröhlichkeit fühlbar?Wollt ihr des Genusses froh werden, so gehet zu den Kindernin die Schule! Wie wenig bedarf es, um einem Kinde eine Freudezu bereiten! Und bei diesem Wenigen > fühlt cS sich nicht rei-cher, als der Besitzer von Goldbergwcrken? Und wo liegt derSchlüssel zum Geheimnisse seines Reichthumes und seines so frohenGenusses? Lediglich in seinem genügsamen, schuldlosen Ge-müthe! D'rum lernet Genügsamkeit und bewahret euch ein kindlich-reines Herz und es wird euch an Genuß, den Gott Jedembeschiedcn, nie und nimmci fehlen! Aber da höre ich klagen:Warum hat Gott mir so wenig und diesem so viel beschiedcn?warum bin ich arm und jener reich?" Ihr, die ihr alsoklaget, wisset ihr nicht, daß dieß die trotzige Klage des faulenKnechtes ist? Ist nicht auch dieß Wenige Gottes freie, unver-diente Gabe und thätet ihr nicht besser daran, euch durch dank-bare Treue des Wenigen werth zu machcn und mit dem EinenTalente wuchernd es zu verdienen, über Vieles gesetzt zu werden?Woher hast du das Recht, dein Talent zu vergraben? Warumschätzest du es gering, da es nur von dir abhängt, daraus denKaufpreis des Himmels zu machcn? Warum begehrst du nach^dem Gute des Mchrbesitzcndcn und machst ihm sein BesitzthumS-recht streitig! Besitzt er sein Vieles nicht mit dem gleichen Rechte,wie du dein Weniges? Und was klagst du über die Unter-schiede von Reich und Arm, von Hoch und Nieder? Oder waswagst du an diesen Schranken gar zu rütteln? Weißt du, gegenwen du deine Hand erhebest und wen du anklagest? Wähnst du«twa, Mcnschcnwitz habe dicsc Unterschiede der VcrmögcnSverhcilt-nisse und der Stände in die Mcnschenwclt hincingclünstclt? Nun,so versuche cS einmal, sie aufzuheben, oder vielmehr blicke zurückans die nuseligen Versuche, die man in kaum verschollenen Tagenblutiger Umwälzungen zur Verrichtung aller svcialcn Unterschiedemachte. Wuchsen nicht über Nacht die alten Ungleichheiten ausdem kaum geebneten Boden wieder hervor und klüftctcn nur nochschreiender und schroffer auseinander, als zuvor? Geht darausnicht klar hervor, daß sie nicht Mcnschenwerk sind und daß esdarum für Jedweden die unverletzlichste Pflicht ist, die von einer!höhcrn Hand selbst in die Mcnschengcsellschaft hiucingeschricbcncOrdnung der Dinge nicht anzutasten, sondern ihren unverrückbaren!Schranken sic^ in freier Resignation zu fügen ?

Ein drittes Heilmittel für die Wnnden der Zeit liegt inthätiger Abhilfe der in den unteren Classen herr-jsehenden Noth. Der Schrei nach Brod- in keiner andern lZeit wurde er aus Tcn Hütten der Armuth allgemeiner und ver-!

zweiflungsvoller gehört. Die Noth, welche die große Theurungder sicbenziger Jahre des vorigen Jahrhunderts herbeiführte, wargewaltig, aber vorübergehend und auf engere Gränzen beschränkt.Es kamen die langen Kriegsjahre und in ihrem Gefolge harteDrangsale; aber weder Mißwachs noch Krieg mit all' ihrer zer-malmenden und erschöpfenden Gewalt waren im Stande, das Wohlder niedern Classen tiefer und nachhaltiger zu zerrütten, als dießder JndustrialismuS des neunzehnten Jahrhunderts that, derüber Fabriken und Dampfwagcn thronend allem Fleische Heil undallen Wunden Heilung verkündete. Im Bunde mit einem gott-losen Zeitgeiste legte er es darauf an, die menschliche Gesellschaftzu einer Maschine umzuschaffcn, die, ohne lange nach den lästigenEinflussn des Himmels zu fragen, auf dem Grunde einer unfehl-baren Berechnung mechanischer Erdkräfte die gesicherte Bürgschafteines nicht bloß zureichenden, sondern überfließenden Unterhaltesund Erwerbes gewähre. Aber wie es dergleichen auf eitel Mcn-schcnwitz gebauten Unternehmungen zu gehen pflegt, Der im Him-mel thronet, lachet ihrer, und indem er sie ungehindert die höchsteSpitze erreichen läßt, gibt er sie in ihrer unmächtigcn Blöße demSpotte der Leute preis. So hat in unsern Tagen jener vielge-rühmtc JndustrialismuS durch zahllose Vermehrung der Fabrikenund unglaubliche Vervollkommnung der Maschinen einen Aufschwunggenommen, der nicht mehr scheint überboten werden zu können:abcr gerade jetzt hat die Noth unter den arbeitenden Classen aufden Puncten, wo die Fabrikräder am lautesten schwirren, eineschauderhafte Höhc erreicht, der zum Zeugniß der neue Name:Pauperismus ' auf eine noch nie dagewesene Erscheinunghindeutet. Es ist um so weniger eine Frage mehr, daß auf eineAbhilfe dieses schreienden Uebels gedacht werden müsse, als manHand in Hand mit der zunehmenden Brodlosigkeit und Verarmungeine Entsittlichung und Erbitterung gehen sieht, die für den socia-len Bestand nicht unbedeutende Gefahren befürchten lassen. Solchenan den äußersten Rand der Noth Gebrachten ist mit einer Predigtder Genügsamkeit und den salbungsvollen Zusprüchen des Pietismusnicht geholfen; sie sind vielmehr selbst eine lebendige, laute Pre-digt an die reichen und begüterten Classen: eine Predigt von derchristlichen Barmherzigkeit, die länger zu überhören gegenwärtignimmer gerathen erscheint. Das haben anch in den jüngsten TagenDiejenigen, die Macht und Verpflichtung dazu in ihrer Personvereinigen, vielfach begriffen und allen Ernstes daran gedacht, derherrschenden Noth zu steuern. Nur schwankt man noch über dieMittel, die zur Abhilfe des unläugbarcn Nothstandes ergriffenwerden sollen. Da und dort scheint man die Sache trotz desbesten Willens beim unrechten Ende anzufassen und statt auf eineradicale Heilung zu denken mit Palliativen (nach Art eines schlech-ten Arzleo) sich zufrieden zu stellen. Uebcrzeugt euch, die ihrWillen und Macht zur Abhilfe habt, daß es zur Heilung einesso tiefwurzelnden, weitverzweigten Uebels mehr bedürfe, als dergewöhnlichen Mittel. Den Anfang müßt ihr bei euch selbst machen:ihr müßt eure eigenen Bedürfnisse, die erkünstelten, beschränkenund euch mit dem süßen Gefühle freiwilliger Entbehrung (desFastens") vertraut machen. Dieses Opfer, das ihr bringet,wird und dieß ist der Hauptgewinn eurem Gemüthe dieermangelnde Energie verleihen und nebenbei eure Almosencassefüllen. Schüttet ihr den immer reichlichern Inhalt derselben indie Hände der Armuth, so werdet ihr die dringendste Noth lin-dern; aber glaubt nicht, daß es mit Almosen, und wären sie diereichsten, gethan sey; eS gilt die Quellen der Verarmung zu ver-stopfen, und das fordert mehr. Wollt ihr das, so suchet denArmen in eine Lage zu versetzen, wo er sein Brod selbst verdienen