Ausgabe 
5 (30.3.1845) 13
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kann, schon darum, weil das selbstverdiente Brod am Bestenschmeckt und am Ergiebigsten ist; oder noch besser, ihr müßt denDürftigen nicht zur völligen Brodlosigkeit herabsinken lassen undihm frühzeitig genug unter die Arme greifen. Und da unverkenn-bar an dem gegenwärtigen Nothstande eine noch bcklagenswertheremoralische Verkommenheit haftet, so thut es vorzüglich Noth,dieser entgegenzuarbeiten und wieder moralischen Halt in die, einevöllige Auflösung drohenden, Massen zu bringen. Dieß wird euchgelingen, wenn ihr den Unglücklichen, nachdem ihr durch freiwilligauferlegte Entbehrung euch der lähmenden Gewalt egoistischerGenußsucht entrungen, zeiget, daß es euch wahrer Ernst sey,ihnen hilfreiche Hand zu reichen. Dieß Beispiel aufopferungsvollerLiebe, das ihr ihnen gebt, wird seine moralische Wirkung nichtverfehlen: sie werden wieder cmfathmcn unter dem harten Joche derNoth und mit dem ersten Hoffnungsstrahl wird der verzagendeMuth sich heben; in die verzwciflungsstarre Hand wird neubcle-bende Kraft strömen, die sie befähiget, die dargebotene Hilfe zuergreifen und in sich selbst den Quell selbstthätigen Aufschwungeszu eröffnen; was von allen Erfordernissen als das unerläßlichsteerscheint. Wenn die verarmten Classen dem wohlwollenden Rathnicht mit Bereitwilligkeit, noch der hilfreichen That mit ihrer Mit-wirkung entgegenkommen, wenn sie nicht in ihrer Mitte Einerdem Andern zur allgemeinen Erhebung sich die Hände reichen und,von Oben unterstützt und geleitet, sich unter sich verbrüdern, soist ihnen nicht zu helfen; ohne ihre selbstthätige Mitwirkung undinnere Versittlichung würde der Abgrund nur mit jedem Tage sichbodenloser zeigen und nur um so unverschämter und bettelsiichtigeraufgähncn, je verschwenderischer man die Gaben einer unverständigenAlinosenspendung in den moralischen Schmutz desselben hineinwürfe.

Mit Einem Worte, der vorhandenen, tief beklagten Nothunserer Zeit kann nur abgeholfen werden durch die Macht einerLiebe, die voll hilfreichen Erbarmens aus den Höhen der Gesell-schaft in die Niederungen herabstcigt und, indem sie diese in dankbarer Anerkennung Wieder jenen verknüpft, zugleich die aufgelös'tenBande in diese» Kreisen durch gegenseitige Hilfeleistung engerschließt: diese Liebe aber sie ist die christliche, die alleinKraft zur Aufopferung und Muth zur Entbehrung verleihen unddurch alle Stände und socialen Verhältnisse ein dauerhaftes, orga-msch-einigendes Band, wie es unsere atomistisch-zerrissene Zeit sogebieterisch heischt, zu schlingen im Stande ist. Vergesse manaber nicht, daß die christliche, wahre Liebe den christlichen,wahren Glauben als ihren Lcbensgrund voraussetze und daßes ohne diesen mit der Ertunstclung jener (wovon unsere Zeitauch Beispiele darbietet) nicht angehe! Möge Gott der Herrdie Noth der Zeit im Rathe seiner waltenden Vorsehung dazudienen lassen, daß die Gemüther sich mit gleichem Ernste zumwahren Glauben und zur rechten Liebe in kräftigem Auf-schwünge erheben; dann erscheint unsere Hoffnung auf gründ-liche Heilung der Zcitgebrcchcn als eine festbegründete; wid-rigenfalls müßten wir mit dem verzweifelnden Rufe des Dichtersschließen:

Die Zeit hat Glauben nicht, noch Liebe:Wo wäre denn die Hoffnung, die ihr bliebe?

Das Kloster auf Sinai.

Der Zugang zum Kloster wird durch eine Maschine vermit-telt, welche den, der in'ö Kloster will, 40 Fuß an der Felscn-mauer emporhebt. Die Bewohner des Klosters sind sckiSmatisebcGriechen-Mönche. Im Jahre 1844 waren ihrer 22 an der Zahl,

meist aus der Walachei gebürtig; aber nur 4 waren Priester.An der Spitze des Klosters steht ein Erzbischof, der den Titelvom Berge Sinai sührt, der jedoch gleichwie auch der wirklicheVorsteher der Corporation, semen gewöhnlichen Sitz in Konstan-tinopcl hat.

Das Ganze des Klosters bildet gewissermaßen ein kleinesDorf, von hohen, aus ungeheuren Granitblöcken bestehendenMaueru umgeben. Die Ringmauer bildet ein Viereck, das aufjeder Seite achtzig und einige Klafter lang ist; das Innere istnur ein Haufen unregelmäßiger, nach verschiedenen Planen aufeinem sehr ungleiche» Boden errichteter Gebäude. Mit Ausnahmeder Kirche, die den großen, von Helena und Konstantin erbautenKirchen würdig zur Seite steht, ist hier Alles ärmlich; aber überallherrscht die größte Reinlichkeit.

Was der Reisende, der aus der Wüste kommt, hier amersten und mit dem größten Vergnügen bemerkt, ist der Ucbcrflußan Wasser, welches daselbst niemals ausgeht. Außer den Quel-len, die für die verschiedenen Bedürfnisse hinreichen, gibt es hiernoch einen berühmten Brunnen, der angeblich aus der Zeit derPatriarchen herrührt. Man behauptet, ganz in der Nähe dessel-ben habe die Begegnung des Befreiers der Hebräer mit den Töch-tern Jethro's stattgefunden.

Das eigentliche Kloster ward im Jahre 527 durch denKaiser Justinian erbaut. Man sieht daselbst noch das Gebäude,welches den Katholiken zur Kirche diente, und woraus sie vorl4ö Jahren durch die schismatischen Griechen, die gegenwärtigim Besitz desselben sind, vertrieben wurden.Ich konnte meineBlicke", erzählt ei» katholischer Missionär, der den Sinai besuchte,nicht auf dieses Denkmal heften, ohne ein lebhaftes Schmerzge-fühl zu empfinden. Wenn der Himmel den Katholiken nicht zuHilfe kommt, so werden Gold und Ränke der Griechen ihnenallmälig alle heiligen Orte entreißen, und keine einzige ihrerNiederlassungen im Orient wird in ihrem Besitze bleiben."

Als der Brnder mich zur Kirche führte, machte er michauf eine Moschee aufmerksam, die nach seiner Aussage für dieehedem zum innern Dienste des Hauses angestellten Araber erbautworden war. Die Schönheit der Kirche überraschte mich, siewird dmch zwei Reihen Granitsäulm, die ein blaugcmaltcs undmit goldenen Sternen übersäetcS Gewölbe tragen, in drei Schiffegetheilt. Diese Säulen, die man höchst unpassend mit Gypsbcworfen hat, gehören verschiedenen Ordnungen der Architektur,die meisten der korinthischen, an; sie stammen aus dem sechstenJahrhundert. Der ganze Fußboden so wie die Mauer des Heilig-thmns, besteht aus weißem und schwarzem italienischen Marmorund ist von sehr schöner Arbeit. Die Kirche wird von einerMenge silberner und vergoldeter Lampen erleuchtet, die insgesammtein Geschenk der Russen sind, weil der Leib der heiligen Katha-rina, die sie sehr verehren, daselbst ruht. Die Mauern sindmit zahlreichen Gemälden i» prächtigen Rahmen geschmückt, dochist keines darunter, dessen Malerei einigen Werth hätte."

Hierauf führte man mich in die sogenannte Capelle vombrennenden Dornbusch. Gerade aus der Stelle, wo Gott seineGegenwart durch ein so großes Wunder an den Tag legte, istder Ueberlieferung zufolge die Capelle erbaut, welche das Andenkendaran zu verewigen bestimmt ist. Man darf nur nach abgelegterFußbekleidung hineingehen. Das Heiligthum ist in Allem denHciligthümern Palästina's gleich: ein hoher von Säulen getragenerAltar und unter dem Altare die geheiligte Stelle."

Das Kloster erhielt von Muhamed selbst e!nen Ferman,zum Schutz gegen die Anhänger des Islam . Dcmungcachtct