Ausgabe 
5 (6.4.1845) 14
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wenig erbaulichen Unterredung, von hier nach Posen, wo Duals Domvicar angestellt werden solltest, abreisetest, und für diese,um mehrere Tage beschleunigte Abreise den einzigen Grund an-gabst, Du könnest deßhalb bei uns nicht länger bleiben, weilwir, wie Du vernehmest, Dein Thun und Lassen und Deinesonstigen Schritte beobachten und nur tadeln: sage! war daskindliche Achtung gegen uns, Deine zwar betagten, auch sonstschlichten, aber immer ehrbaren und Dich so sehr liebenden El-tern? Sollte das als Beweis brüderlicher Liebe gegen DeineGeschwister gelten ? -- Wenn Du dann aber noch zur offen-baren Verspätung und Verhöhnung unsrer besorglichen, liebe-vollen elterlichen Erinnerungen und Ermahnungen, es scheint sast,als in der Absicht, um ein ungewöhnliches Aergerniß zu geben,auf der Ncisc von hier nach Ncucnburg die 16 Jahre alte Sticf-tochtcr des Einfassen GrammatowSki von hier, NamensT Hella Solecka, gewiß nach vorhergegangener Verabredungund Verständigung, förmlich von der Straße aufgriffst, und ohneVorwissen und Genehmigung ihres Pflege- und Stiefoaters mitnach Ncucnburg und von da nach Posen mitnahmst: sage! womitwillst Du diesen Mädchenraub rechtfertigen? Sollte Dich etwader Gedanke anwandeln, letztere Thatsache läugnen zu wollen; sosiehe weiter unten den Beweis: Was berechtigte Dich zu so lieb-losem und grausamem Eingriffe in die Rechte deö Gramma-towSki? Wodurch willst Du diese Mädchenverführung ent-schuldigen, oder womit beschönigen?'

In gleicher Weise spricht sich die ticfbetrübte Mutter gegenden Schluß ihres Schreibens aus, wo sie ihrem unglücklichenSohne noch cinmal den Abgrund, an dcm er sich befindet, vor-stellt, und ihr Benehmen hinsichtlich der Veröffentlichung desganzen Schreibens rechtfertigt.

Und was glaubst Du durch alles dieses vollbracht zuhaben? Was träumst Du noch zu vollbringen? Die katholischeKirche hast Du nicht gestürzt, und wirst ihr gewiß in Nichtsbeikommen. Sie ist nicht das Werk ungehorsamer, starrsinniger,hartnäckiger, liebloser, undankbarer, unsittlicher, rachesüchtiger,überhaupt leidenschaftlicher Menschen, auch nicht daö Werk blind-fanatischer Jrrlehrer. Nein! sie ist die Anstalt der vollendetenVollkommenheit Gottes, als solche selbst von der Macht der Hölleunbezwingbar, und daher von Dir und allen Deinen Helfershel-fern gänzlich unantastbar. Auch der Papst, die Bischöfe, Priesterund die ganze Gesammtheit der katholischen Kirche stehen zu er-haben in der sittlichen und kirchlich-religiösen Welt da, als daßsie durch Deine Schmähungen und Lästerungen an ihrer Würdeund Erhabenheit auch nur im Mindesten etwas verlieren könnten.Selbst das Bestechen durch Geld kaun nicht zu demjenigenZiele führen, welches Du und Deine Clienten Euch gesteckt habt.Ich ,z. B. habe in den mir vor wenigen Wochen von Dir ge-schickten li Nthlru. und in den ferner von dem Herrn Justiz-CommissariuS Simmel zu Ncucnburg mir ausgezahlte» anecrn6 Nthlru. nichts anders, als nur den Preis Deiner ver-kauften Ehre und Deines Gewissens, Deiner Religion uudDeines Pricstcrstandcö erkannt. Es schien mir, nachdem ich sieunter den so bcwanvten Umständen erhalten hatte, als lägen dieJudas Jschariotischcn 39 Silbcrlinge vor mir. Ein soschmachvoll von Dir erworbenes Geld konnte ich nicht an mirbehalten, uud dicscö um so wcnigcr, als Du nur zu deutlich diefanatische Absicht zu crkcnucn gabst, auch mcinc Ehre uuvmein Gewissen, mcinc Religion, mein zeitliches und ewigesGlück und Seligkeit um einen so schmählichen Preis mir znentreißen. Dieses wird Dir aber an mir und an Deinen Ge-

schwistern nicht gelingen. So arm und der Unterstützung bedürftigich auch bin, so wäre ich doch eher bereit, mir das tägliche Brodund die nothdürftigste Bekleidung auf gerechte Weise an den Thü-ren der Wohlhabender» zu erbetteln, als dafür das, was mir dasWichtigste, Ehrwürdigste und Heiligste ist, Gewissen und Religion,Glück und Seligkeit zu verkaufen. Fort daher mit solchem Gelde IMit Entsetzen und Entrüstung habe ich Dir die 12 Rthlr. wiederzurückstellen lassen. Solltest Du mit Geld für Deine Zwecke beiAndern mehr Glück machen, so wären solche zwar nur zu bedauern;Du aber würdest die Last der Schuld Deiner Verfüh-rungen nur vermehren. Und was glaubst Tu aus Dir Selbstnun wohl gemacht, welch einen Namen Dir durch Dein schwär-merisches Auftreten und sonstiges Betragen erworben zu haben?Vernimm es! Du stehst als der Spielball der entehrendsten undniedrigsten Leidenschaften eines eben so wankelmüthigen, unrcisenund unzuverlässigen Charakters da. Dein Name als Mensch undChrist ist: Undankbarer und Sittenloser; als katholischer Pnestcraber: Eidbrüchiger, treu- und ehrloser Apostat. Ueber DeineFolgezeit und Dein Ende mögest Du selbst nachdenken!

Mein Sohn! Du wirst etwa nicht zürnen ob des ausge-sprochenen und niedergeschriebenen Tadels, der Erinnerungen undErmahnungen. Auch wirst Du es doch wohl nicht gar schrift-widrig finden, daß ich, Deine Mutter, Dich bitte und beschwöre,in Dich zu gehen, die Fesseln der ehrlosesten und niedrigstenLeidenschaften zu zerreißen, und von Dir zu werfen, Dich voneinem schanilosen Frauenzimmer zu trennen, welches nie Dein, deskatholischen Priesters, rechtmäßiges Weib werden kann, und um-zukehren, um auf dem Wege der Buße und Besserung wieder zuEhre, Amt und Würde zu gelangen, und dcm zeitlichen und ewi-gen Verderben zu entgehen. Nur dieses ist es, was mich be-stimmte, was mich als katholische Mutter verpflichtete! Vorstehen-des an Dich zu richten und der Ocffcntlichkeit zu übergeben."

Wir glauben sicher keine zu gewagte Vermuthung auSzusprcchen,wenn wir diese dahin aussprechen, daß jeder Leser, der diesesAcienstück lesen wird, den schmerzlichen Gefühlen einer solchen Mutterseine innigste Theilnahme zuwenden wird, die da den Ausdruck desHeilandesglücklich die Unfruchtbaren ic." bei ihremSchicksale mit unwiderstehlicher Kraft in ihr Inneres gedrängtfinden könnte, ja, die vielleicht ihren Gatten, den der Gram vorKurzem hinwcgnahm, schon tausendmal mag beneidet haben.Doch, sie braucht nicht Besorgniß zu haben, daß je Gesinnungender Mutter mit Gesinnungen und Lebenswandel des Sohnes wer-den verwechselt werden. Sie hat ihrem gepreßten MuttcrherzenLuft gemacht, noch mehr, sie hat sich bei allen Gutvcnkenden einDenkmal gesetzt, nm welches sie selbst Große uud Gewaltige derErde beneiden dürsten, endlich, sie hat gewissen Menschen, die daviel von Aberglauben und Köhlerglauben der Katholiken aus denniederen Ständen zu sascln wissen, ein Argument gegeben, daßeine schlichte Bürgcrsfrau von beinahe 70 Jahren in einem ein-fachen Dorfe unterrichteter über die GlanbcnSwahrheitcn sey undüber die der Kirche gebührende Achtung genauere Begriffe habe,als so mancher Superkluger und Lasterknecht auf seinem Dach-stüblcin. Darum freuen wir nns, daß dieses Schreiben zu Tagegefördert worden ist, das da zwar von Lasterhaftigkeit undUnwissenheit Zeugniß gibt, doch nicht von Lasterhaftigkeit undUnwissenheit, die katholischen Kirchcnmitglicdern anklebt, sondernvon solcher, die nun glücklicherweise für die Ehre der Kircheunschädlich gemacht ist. (Kath. Stimmen.)