Zu dieser Anhöhe gelangt, ruhten wir zwischen den Ruinen derehemaligen Himmelsahrtskirche aus, wovon jetzt noch ein Theil derMauern nebst einigen Postamenten der zertrümmerten Säulen besteht.In Mitte dieser Ruinen hatte sich noch eine kleine runde Cap-lle erhal-ten, in der die Fnßstapfen zu sehen sind, die der Heiland bei seiner Him-melfahrt zurückgelassen haben soll. Allein auch diese Capelle ist nun zueiner türkischen Moschee umgewandelt, und nur einmal des Jahres er-halten die FranciScaner Jerusalems um einen Tribut die Erlaubniß,darin die heiligen Functioncn zu halten. Es ist dieß eben am Festeder Himmelfahrt Jesu Christi. Nur der Wein zur heiligen Messemuß heimlich mitgenommen werden: denn weh! wenn die Türkendaraufkämen. Diese Profanirung, wie sie meinen, ihrer Molchcc durchWein >— sie dürften sie nicht dulden, und mit blutigen Köpfen undbedeutenden Geldsummen müßten selbe die Katholiken, wie schon öfter,bezahlen und aussühnen. -
In dieser Moschee nun wurden zwei Altäre errichtet, und um dreiUhr vor denselben Vesper und Comvlet mit möglichster Feierlichkeit ge-sungen. Dann erhob sich die ganze Versammlung, und zog proccssions-weisc zwischen Wolken geweihten Weihrauchs und unter festlichem Ge-sänge der Allerheiligen-Litanei hinaus, und im Kreise um dieses ehe-malige Hciligthum der Katholiken. Dreimal ging der Zug um dasselbe.Da war es, als zögen die Israelitin um die Mauern Jericho'S (vcssenTrümmer nicht gar ferne von hier sind), um zu flehen, daß die unhci«ligcn Mauern zusammenstürzen möchten; diese Mauern, welche demMuselmanne zur Verrichtung seiner gedankenlosen Ceremonien in einemOrre dienen, der dem wahren Gottesverchrcr, dem Katholiken, so heiligist, und zu dem er allein sein volles Recht ansprechen könnte. Diese er-wiesene, aber nicht anerkannte Wahrheit leuchtete am heutigen Tage ausden glänzenden Wirkungen der heiligen Fcstceremonien siegreich hervor.Das Gebet der Allerheiligen-Litanei hier aus dem Munde so vielerkatholischer Priester und Laien gesungen, hatte eine eigene, höhere Kraft,die in der That in die Herzen drang; und es konnte dem ruhigen Be-obachter nicht entgehen, welch'einen eigenen Zauber die katholischen Ceremonien und der volltönende kräftige Choralgesang selbst auf dieHerzen der Türken sowohl, als auf die der Schismatiker ausübten.Die Verse:
Hl inimicos sunet.'ie Lcclesi.io liiimiliai o <I!gneri8;
Hl montos nosirils ack eoelostii» <ie<;ici<?ri!l eri^as,und andere dahin bezügliche Verse, die aus den Kehlen der hier vereintenKatholiken flcdcnd sich in die Lüfte erhoben, widerhallten in eben so rüh-renden als kräftigen Schwingungen an den Mauern der türkischen Mo-schee, und zwischen den Altären der Ketzer und den Häusern der Türkenin wiederholtem Echorufc verweilend, bewirkten sie ringsum eine gehcim-nißvvllc Stille. Als aber der Zug erst knapp an ihren Altären und Ge-zeltcn vorbeikam, da durchdrang sie wie ein treffender Blitz daö tiefge-fühlte Ucbcrgcwicht unseres, und die eben so tiefgefühlte Nichtigkeitihres Glaubens, — und als hätte es ihnen eine unsichtbare überwie-gende Macht geboten, sah ich sie unwillkürlich aufstehen, und der Pro-ccssion der Katholiken in einer sehr chrfurchtbe;cigenden Haltung, undmit einem so viel sagenden Stillschweigen zuschauen, daß ich mich bisin das Innerste ergriffen fühlte, '^e roZamiis »urli nos! flehte undsang ich dann nm desto eifriger und inniger: wir bitten Dich, erhöre uns„durch Deine wu n d e r b arc H i m m erfahr t," daß pnc düfternMauern zusammenstürzen möchten, welche den Ketzer und Türken vonder scligmachc»dcn Kirche trennen und daö Licht des wahren Glaubensihre Herzen nicht dnrchvringcn lassen; wir bitten dich erhöre uns, daß
') Daß du die Feinde per hei!ig-n Kirche demüthigen woll-st:Daß du unierc Gcmiiiher zu himmlisch-n Bi-gi>d n erhebest.
auch sie, die in der Finsterniß und im Schatten des Todes sitzen, sehe«möchten, um einmal auch teilnehmen zu können an den Früchten DeinerAuferstehung und Himmelfahrt! Aber mit nicht minderer Rührungflehte ich zugleich, daß Gott die geistige „Scheidewand der Sünden'(Js. 39.) zerbrechen möge, damit das Gebet seiner Diener wie Weih-rauch wohlgefällig vor Sein Angesicht hinaufsteige.
Tief bewegt von dieser heiligen Feier reinigten darauf Religiösenund Laien, Pilger und Einheimische ihre Herzen durch die heilige Beicht,und es rührte in der That bis zu Thränen, auf verschiedenen Ecken die-ses zur Buße und Frömmigkeit mahnenden Ortes demüthige Christenzu den Füßen der Stellvertreter Gottes knien zu sehen, um durch einreuevolles Bekenntniß sich jenen Herzensfriedcn zu verschaffen, .dendie Welt nicht geben kann." Kalt und freudenleer kauerten indessenmit übergeschlagenen Beinen Türken und Ketzer umher, und es schien,als wollten sie an den Wolken der brennenden Tabackspscifen ihrInneres wärmen und trösten.
Ein Cigorisalat, ein Stück Brod und ein Glas Wein machte dasAbendmahl aus, und min legte sich zur Ruhe, die, obgleich nur aufhartem Boden unter einem Gezelte, doch Niemand beschwerlich fiel,weil sie durch den Gedanken versüßet wurde, daß hier „Seine(Jesu) Füße gestanden." (Ps. 131, 7.)
Um Mitternacht stand man zur heiligen Mette auf, welche durch-gängig gesungen wurde. Indessen brach die Morgendämmerung hervor,und die Priester begannen die heiligen Messen, deren wohl 10 oder 12celebrirt wurden. Auch ich hatte das unaussprechliche Glück, das heiligeMeßopfer auf diesem gehcimnißvollen Platze darzubringen.
Gegen acht Uhr endlich wurde ein feierliches Hochamt vomReverendissimus des heiligen Landes gehalten, und am Schlüsseabermals die Allerheiligen-Litanei angestimmt, und von Priesternund Volk nach der kirchlichen Weise beantwortet.
Jetzt erst, nachdem die Majestät unseres Gottcodienstes vollen-det war, jetzt erst wagten die verschiedenen Secten, die bisher scheu undwie verwirrt umhergesianden waren, mit derUnbedeutenhcit ihrer Cere-monien hervorzutreten, wobei die Anzahl der Zuschauer wohl größerseyn dürfte, als die der Andächtigen. Sie haben ihre Altäre in einemHalbkreise an den Ucberrcsten der zertrümmerten Himmelfahrtckirchehinter der ehemals den Katholiken gehörige» runden Capelle so auf-gestellt, daß diese Capelle mit ihren zwei Altären gleichsam wie im Cen-trum stehet, etwa wie eine Fürstin dem untergeordneten Volke, das sieumkreiset, voransteht, oder wie Nachtvögel sich im Halbkreise zurückziehenvor dem Adler, der majestätisch und chrfurchtgebietcnd vor ihnen sich auf-schwingt. Zuerst begannen links (bei den Orientalen die vornehmereSeite) die Armenier ihren Gottesdienst, der allein an Würde und Be-deutung dem unseren nahe kommt; dann rechts die Griechen, mit erdrü-ckendem Pomp und Reichthum, kalt, ohne Ernst und Würde. Nach undmit ihnen die kupferbraune Kopten, und die lichtscheuen Svriancr, vonderen Religion, Charakter u. s.w. ich, so Gott «M, später etwas Näheresmittheilen wc de. — Gegen eilf Uhr endlich verlor sich die Menge über denBerg hinab, und in die Stadt hinein; — gewiß vielfach von den Gedan-ken und Vorsätzen begleitet, mit denen das Herz der AposKl erfüllt war,als sie diesen heiligen Platz verließen, um nach Mahnung der heiligenEngel durch jene gottgefällige Liebe zu Christus, welche die thätige Näch-stenliebe nicht ausschließt, sich des Himmels würdig zu machen zu demder gute Hirt eben hinaufgestiegen war, um im Hause seines himmlischenVaters Wohnungen zu bereiten für die, welche seine Lehre beobachten.
Diese zu halten, und nach Jenen zu seufzen, war auch derEntschluß, der meine Seele beschäftigte, als ich einer der Letzten derBerg hinabstieg und in'S Kloster uirückkebrte. (Kalb. Bl. miSTirol.)
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