Ausgabe 
5 (1.6.1845) 22
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OV auch die Hände sanken.Ob auch die Lippe schweigtDieß innerliche DankenDu hörest es geneigt.Keine Perle rollet niederAm Paternoster - Ring,Doch manche hin und wieder,Die an der Wimper hing.

^ H 5

Carl Thuina.

Leihbibliotheken.

(Nathanacl.)

Im Mittclaltcr, wenn irgendwo eine ansteckende Krankheitcmsbrach und Tausende wegraffte, erhob sich wohl oft das Ge-schrei: die Juden hätten die Brunnen vergiftet. Natürlich wurdedadurch die grimmige Wuth des unwissenden Pöbels gegen diesearmen Leute erregt; sie wurden verfolgt, vertrieben und schmäh-lich mißhandelt. Allerdings war dieses sehr abscheulich und mußjeden wahrhaften Menschenfreund tief betrüben. Doch in unsereraufgeklärten und nach Fortschritt jagenden Zeit ist es ganz andersgeworden. Wir haben jetzt wirklich vergiftete Brunnen, die zwarkein materielles Wasser enthalten und den leiblichen Durst nichtstillen können, die aber desto mehr die Dürre des Geistes labenund erquicken sollen. Und, o du Verkehrtheit! anstatt solcheGiftbchältcr unter Schloß und Nicgcl zu legen und Jeden davonfern zu halte», wird ungestraft Jcdermänniglich mit süßen undeinschmeichelnden Worten eingeladen, daß er doch schöpfen mögevon dem Wasser, welches alle Schlacken der GcistcSfinsterniß weg-schwemmen und den rechten Werth und Genuß des Lebens lehrensoll. Die Wasserträger, welche immersort emsig und fleißig neuenVorrath den Lüsternen zuführen, werden reichlich mit Lob undGeld bezahlt, und gerade dann ist ihr Lohn am größten, wennsie recht schlammiges und faules Wasser herbeischaffen. Die lüster-nen, welche wir hier meinen, sind unsere gewöhnlichen Leihbiblio-theken, uud das faule, vergiftende Wasser, das sie enthalten,sind die verderblichen Bücher, welche in denselben zum Gebrauchealler Welt aufgestellt sind, welche aber, wenn man nach ihremwahren Werthe mit ihnen verfahren wollte, in das F>uer gcwor-!fen oder unter die Stampfe des Papierfabricanten gebracht werden ^müßten. Denn sehen wir uns dort einmal etwas näher um, wasfinden wir zumeist? Zuerst eine ganze Reihe von herzbrechendenund schaudererregenden Räuber- und Mordgeschichten, die ihrenHelden mit seineu Lastern und Verbrechen nicht als nncn Gegen-stand der Verachtung und deö AbschcueS darstellen, sondern fürdenselben, wenn nicht gar Bewunderung, doch wenigstens Mit-leiden bei den Lesern erregen wollen. Sein lasterhaftes Leben sollost nur die Folge eines ihn unerbittlich verfolgenden, unabwcnd-baren Schicksals seyn und nicht aus seiner sittlichen Verkommenheitentspringen. Neben diesen finden wir die zahl- und maßlosenLicbcSgcschichtcn. Welche Liibe wird hierin geschildert? Etwa diereine, christliche Liebe, welche die einzig feste und wahre Grund-lage einer glücklichen Ehe ist? Nimmermehr! Das wäre zu pro-saisch und alltäglich, uud würde wenig Effect machen und wenigAnklang finden. Es spielt in diesen Schriften jene sinnliche,lcircnschaftlichc, lüsterne Liebe ihre Rolle, welche die größten undgröbsten Ausschweifungen zur Folge hat und eheliches uud Familien-Glück zertrümmert, den Frieden uud die Ruhe so vieler Herzenraubt. Die Liebe wird darin dargestellt nicht als auf wahremWerth der geliebten Personen beruhend, nein! sie entsteht ganz

anders, ganz abgesehen von dem; bald sind es blaue, baldschmachtende, bald feurige Augen, bald blonde, bald schwarzeHaare, bald blühende, bald bleiche Wangen, welche den Heldendes Stückes fesseln, entzücken und bezaubern, wodurch denn gleichein Liebesverhältniß angeknüpft wird. Dabei darf es nun anHindernissen, die zu überwinden, an Intriguen, die anzuspinnensind, nicht fehlen; das Ganze endet mit einer Heirath, oder miteiner heroischen Entsagung und mit einem in dürren Worten ge-rechtfertigten Selbstmorde. In das Ganze wird gewöhnlich so vielWonniges, Seliges, Gemüthliches, Ueberschwänglicheö, Mildig-lichcs, Thränenthauiges, Mondschimmerigcs, Blumcnäugigcs, Wun-dcrliebliches und Herzergreifendes eingeflochten, daß Verführung undEhebruch cutschuldigt erscheinen. Zuweilen werden auch christlicheIdeen eingemengt und kirchliche Anordnungen und Institute be-sprochen, aber durchgchcndS nur in der Absicht, sie mit Spottund Hohn zu begeifern und zu besudeln. Auch nur eiu flüchtigerBlick in die Schriften von Balzac, George Sand, Victor Hugo ,Heine und dem geistreich seyn sollenden Eugene Sue u. s w.beweiset hinlänglich, daß wir die Farben nicht zu stark aufgetragenhaben. Doch setzen wir unsere Musterung fort! Seht da, ineiner dunkeln und dem wachsamen Auge der Polizei verborgenenEcke finden wir einen nagelneuen Bücherstapel, der einstweilenzwar noch klein, aber doch für künftigen Zuwachs passend einge-richtet ist. Hier hat man vorsichtig die ganze Familie deö jungenDeutschlands und der frischen Hcgelinge versammelt; hier wirdjedem Liebhaber die ganze Masse des commnnistischcn, frcihcit-schwindelndcn, Gott unv die Unsterblichkeit läugnendcn Unsinnesvon Prutz , Hcrwegh, Beck u. s. w. zur gefällige» Abnahme dar-geboten, und dabei wird großprcchlerisch in alle Welt hincingcru-fen: Durch diese Schriften muß dem Zcitgeiste eine neue Bahngebrochen und allseitiger Fortschritt befördert werden! Dieser Fort-schritt ist aber eigentlich, bei Lichte besehen, nichts Anderes, alsRückschritt zum Heideiithume und Emancipation des Fleisches.Hiermit ist ein kleiner Theil der Schätze angegeben, in deren Be-sitze eine Leihbibliothek, die sich in unserer Zeit rcutiren soll, seynmuß. Wenn man nun bedenkt, daß Jeder sür einige Pfennigemit diesen sauberen Gütern sich bereichern kann, so muß die Ent-rüstung und der Unwille über diesen Unfug bis auf den höchstenGrad gesteigert werden. Jung und Alt, Jungfrauen und Jüng-linge, Herrschaften und Dienstboten bringen schaarcnwcise mitFreuden das kleine Opfer dar, wofür sie sich Tage lang einen soköstlichen und großartigen Genuß nach ihrer Mcinung verschaffenkönnen. Jede freie Zeit, ja, sogar manche halbe Nacht, wirdohne Beschwerde dazu verwandt, um die immer stärker werdendeLcsesucht mit solchen schlechten Büchern befriedigen zu können.Das so in die Herzen ausgestreute Uulraut sproßt bald zur bösenSaat auf und bringt die verderblichste Frucht. Unzufriedenheitmit seinen Verhältnissen, krankhafte Empfindclei und gefährlicheLiebeleien sind die gewöhnlichen Folgen einer maßlosen Noman-lescrei. Immer in clysäischcn Auen, Wäldern uud Thälern schwe-bend, Wo sanfte Zephyre mit einander kosen und göttergleiche Ge-stalten auf- und nicdcrsteigen, kann man sich unmöglich mehr zu-recht finden in der rauhen, kalten Wirklichkeit des täglichen Lebens.Besonders werden jüngere Leute durch das zu viele Lesen zu einerUeberschwänglichkeit des Gefühles gebracht, wodurch sie zu allenBeschäftigungen, welche Ernst und Ausdauer erfordern, untauglichsind. Sie suchen oft unwillkürlich das, was sie gelesen haben,nachzumachen im Leben. Aehnlich den Helden und Heldinnen irgendeines Romanes, der ihnen gerade in die Hand gekommen ist,knüpfen sie an und setzen sie fort ihre auf Acußcrlichkeit beruhenden