Bekanntschaften. So weiß sowohl die feinste Weltdame als auchdas geringste Dienstmädchen ganz vortrefflich einen Roman zu spie-len. Die sittlichen Grundsätze, die christliche Gesinnung und dieFestigkeit des Charakters verschwinden allmälich. Und das Ende vonAll, in ist körperliche und geistige Erschlaffung, Verführung, eine unglück-liche Ehe, Zerrissenheit und Zwietracht in den Familien. Dieß genüge.
Bei dem Anblicke so vieler schlimmen Wirkungen der gewöhn-lichen Leihbibliotheken ist man stark versucht, ein dreimaliges Weheüber solche Giftverbreitungs-Anstalten auszurufen. Doch damitwäre wenig oder gar nichts geholfen. Man muß vielmehr aufMittel und Wege sinnen, wie diesem Uebel am besten und kräf-tigsten entgegen zu arbeiten sey. Ein gänzliches Verbot solcherInstitute würde nichts fruchten; der industrielle und speculativeGeist unserer Buchhändler würde bald geheime Winkelbibliothekenerrichten, und gerade dieser Umstand wäre gar zu reizend für daslesende Publicum; wir haben ja Achnliches erlebt mit den polizei-lich verbotenen Büchern. Es gibt hier keinen andern Ausweg, alsdie Errichtung neuer Bibliotheken, welche nur gute, nützliche,christliche Bücher enthalten. Dieses ist auch in der neuesten Zeitdringend von den höchsten Behörden Den Gemeindevorstehern undGeistlichen anempfohlen worden. Auf dem Lande wären am bestenGcmcindebibliothekcu und in den größeren Städten Pfarrbiblivthe-ken einzurichten. Als s.hr praktisch hat sich bewährt auf demLande die Verbindung der Missions-Vereine mit den Gemeinde-Bibliotheken. Denn mit den Jahrbüchern der Missivnsgesellschaftist schon der Anfang zu einer Büchcrsammlung gemacht; dadurchbekommen die Landleute überhaupt Freude am Lesen; sie wollensich auch nun mit anderen Büchern bekannt machen. Und diesesist Grund genug, ihnen die für ihre Verhältnisse und ihre Bil-dungsstufe passenden nützlichen Schriften in die Hanv zu geben.In den Städten wird die Sache viel schwieriger durch die großeVerschiedenheit des lesenden Pnblicums, sowohl in Hinsicht aufBildung, als auch auf äußere LebcnSverhältnissc. Hier sey mangar nicht zu ängstlich bei der Auswahl der Bücher; d. h., umMißverständnis; zu vermeiden: im Ansänge sey Grundsatz, rechtviele angenehm und anziehend unterhaltende Bücher anzuschaffen.Und auf diese Weise bereite man die Leser vor auf ernste, wahr-haft christliche und nützliche Lcctürc. Um mit den vorhandenenschlechte» Leihbibliotheken concurriren zu können, muß der zu zah-lende Beitrag möglichst niedrig gestellt werden. Sehr wünschens-wert!) wäre es, wenn den UnbcmiticUen nach Umständen umsonstdie Bücher geliehen werden könnten. Die Leitung und Beaufsich-tigung des Ganzen kann am besten die Pfarrgeistlichkcit besorgen;sie weiß am sichersten Jedem das für ihn passende Buch auszu-wählen, und sie wird auch gern sich dieser Mühe unterziehen.Hätten wir doch einmal überall derartige Gemeinde- und Pfarr-Vibliothcken, welch ein reicher Segen würde sich von hieraus ver-breiten! Nicht nur würde der Einfluß unserer jetzigen Leihbiblio-theken mehr und mehr unschädlich gemacht, sondern sie würdengar nicht mehr bestehen können, jeder ordentliche Mann würde sichschämen und es unter seiner Würde halten, dieselben noch fernerzu benutzen, und wahre Aufüäruug und rechter Fortschritt imchristlichen Sinne würde aller Orten immer mehr verbreitet werden.Und zu diesem Zwecke darf kein Opfer uns zu groß seyn.-
Die Jndenemancipativn in der Nheinprovinz.
(Kalhvlik.) '
Der rheinische Landtag zu Koblenz hat sich für die Juden-Emancipation ausgesprochen. Es ist über diesen Gegenstand,sowohl dort als anderswo, schon so Vieles und so Vielerlei ge-
sprochen, daß man schwerlich etwas hinzusetzen kann, was nichtirgendwo wenigstens schon angedeutet wäre. Es geschieht aberoft, daß durch die Menge der vorgebrachten Gründe der einzelneGrund seine volle Kraft und Bedeutung verliert, und der Gegnerdann aus der Gesammtheit nur dasjenige hervorhebt und bekämpft,was er eben mit Fug und Grund angreifen kann; und dann weißJeder, was für Wendungen es gibt, um mit Einzelheiten, wennes auch nur Nebendinge sind, sogleich das Ganze zu verdächtigen.Darum wollen wir, absehend von einer ausführlichen Erörterungder betreffenden Landtags-Verhandlungen, hier nur einen einzigenPunct herausnehmen, der, wie uns dünkt, gewiß eine größereBerücksichtigung gefunden haben würde, wenn ein Landtagemitglicdihn ganz isolirt, wie sein Einziges und sein Alles, aufgestellt undimmer aufs Neue vorgerückt hätte, etwa in der Catonischen Weise:k5zo autvm eensvo. Es ist aber der Inhalt dieses Lc.'N8v» nichtsanderes, als: „Ich meine, das Volk will die Judcu-Emancipation nicht!"
Der rheinische Landtag hat bei verschiedenen Gelegenheitenmit den freimüthigsten Ausdrücken und mit begeisterter Gewißheitseine Stellung als eine Vertretung des Volkes, seine Stimmeals die Stimmung des Volkes, sein Amt als Beauftragungvon Seiten des Voltes bezeichnet, und darauf sein Verhält-niß zur Regierung und seine Würdigung begründet wissen wollen.Es ist auch gewiß, daß er, sowohl jetzt als früher, in vielen, jain den meisten Schritten jene Sendung des Volkes erfüllt, wieihm andererseits dafür das Volt die begeistertste Anerkennung ge-zollt hat. Aber in Betreff der Judcncmancipation sage ich, undwerde immer sagen: sie ist nicht der Wille, nicht der Wunschdes Volkes. Das mit Worten zu beweisen, ist ungenügendund übe, flüssig. Mir dünkt auch, jeder Mensch, ja der Judeselbst, weiß es, was das Volk über den Juden denkt, wie es überihn spricht, wie es mit ihm verkehrt.
Aber es sind doch so viele Petitionen eingelaufen, welchedie Judcncmancipation dnn Landtage an'S Herz legten! Für'S ErsteKommen dergleichen Petitionen zunächst aus größeren Städten; m! diesen aber ist, wie Jeder weiß, Handel und baares Geld der'HauptlcbcnSncro; und damit kann der Jude dienen, und sich be-i deutend ja unentbehrlich machen, und sich Stimmen sammeln. Diereichsten Häuser iu größeren Städten sind vielfach Juden; sie/treten mit den christlichen Matadors in ein Elikettenveihältniß,^ geben wechselseitig Thee'S und Actien, und stehen in den familiär-sten Beziehungen zu den Landtagsmitgliedern, welche die Stadtentsendet. Ferner verliebn in größeren Städten die Juden all-mälig von selbst, wenigstens scheinbar, ihr Jüdisches; die vielenöffentlichen, für Jedermann freistehenden Zusammenkünfte gleichenaus, zumal, da darin von religiös Sittlichem wenig die Rede ist,und ein religiöser JndiffcrentismuS unter dem Namen Toleranzzum guien Tone gehört. Endlich aber weiß man auch, wie esgewöhnlich mit den Petitionen hergeht; sie werden veranlaßt durchgewisse Hauptsprccher, die bei jeder Gelegenheit etwas geltenwollen, und doch meist gerade am wenigsten gelten sollten,sicherlich nicht fähig und befugt sind, den Kern des Volkes zurepräscntiren. Ich bin fest überzeugt, daß in den meisten Städten,die um Judenemancipativn petilivuirt haben, der große Mittel-stand, das ist: einerseits der wahre Kern des Volkes und anderer-seits derjenige Stand, der am meisten von den Juden zu leiden>hat, das gerade Gegentheil, vielleicht wohl geradezu Schutz ge-gen die Juden petilioniren würde, wenn man ihn darnachfragte. In Köln gibt cS die Hülle und Fülle von Jndiffcrenti-sten, und gleichfalls die Fülle von Abend-Sprechern und allge-