Ausgabe 
5 (1.6.1845) 22
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meinen Humanitätsgcistern, ja solche, die vor lauter Humanitätnach inhumanen weil unerhörten Namen für ihre neuge-borenen Kinder suchen; wer euch aber sagt, in Köln sey die all-gemeine Stimmung für Judenemancipation, dem saget geradezu,er kenne Köln nicht, oder er lüge. Handwerker und redlich stre-bende Kaufleute des Mittelstandes rufen einstimmig:Schützet unsvor den Juden!"

Wenn nun auch wir mit einstimmen in diesen Ruf, so wol-len wir doch damit durchaus nicht einen Judenverfolger abgeben,verlangen nicht, das; irgend ein positiver Druck auf ihnen laste,oder gar neue Lasten auf sie gelegt werden, sondern meinen es imGrunde gewiß redlicher mit ihnen, als diejenigen, welche ihnendie sogenannte Emancipation aufbürden wollen. Ein ächter Judewird dieselbe gar nicht einmal wünschen können; er muß sich demJuden in Rußland näher fühlen, als dem christlichen Deutschen,wenn er nicht seine heiligste religiöse Hoffnung wegwerfen will;und er kann in Wahrheit nicht die gesammten christlichen Rechteannehmen, wenn er nicht zugleich die gesammten christlich-bürger-lichen Pflichten übernehmen will; und das darf er nicht, daseine religiöse» Pflichten (man nehme nur die Feier des Sabbatsund anderer Feste) damit nicht in Einklang stehen

Frankreich .

In Frankreich halten sowohl die Calviner als die augsbur-gische Konfession jährlich ihre Conferenzcn. Sie sollten dienen zurErhaltung und Belebung der Religion, zur Verbesserung der Dis-ciplin. Auf der dicßjährigen Konferenz zu Paris wurde beantragt,eine N-ationalsynode zu bilden, von ihr das Heil zu erwarten.Gegen diesen Antrag sprachen aber gerade die zwei einflußreichstenGeistlichen des Pariser Consistoriums, Monod und Cuvier , undzwar in einer Weise, daß die Auflösung und Zerrüttung desProtestantismus offen eingestanden wird. Hr. Cuvier sprach seineMeinung dahin aus, Synodalversammlungen wären unter dengegenwärtigen Verhältnissen unwirksam, ja unmöglich, nicht alswürde er die Nothwendigkeit der Einheit und der kirchlichen Gewaltnicht anerkennen, sondern deßhalb, weil bei dem in der reformirtenKirche herrschenden Geist nicht zu hoffen sey, daß Synoden diesemBedürfniß Abhilfe leisten könnten.Dieser Geist hat sich mit dem,was Gesetz der Kirche ist, in einen geraden Gegensatz gestellt; einsolches Kirchcngcsctz ist das kirchliche Glaubensbckcnntniß und dieKirchcndisciplin. Die Synoden hätten also die Aufgabe, für Auf-rechthaltung, Anwendung und Vollziehung dieses Gesetzes zu wachen.Was würden sie aber in der Wirklichkeit leisten? Es ist vorzu-sehen, daß sie selbst das Beispiel des Ungehorsams gäben, undmit dem eigenen Gesetz in Widerstreit gcricthcn. Gesetzt aber auch,daß sie dieß nicht thäten, daß sie vielmehr an dem Symbolumund an der Disciplin festhielten, was ist von einer Kirche zu er-warten, in der sich jeder berechtigt glaubt, zu thun was ihm ge-fällt, in der man Worte hört, wie sie in dieser Versammlungselbst sind ausgesprochen worden:Wenn die Synode etwas ver-ordnete, was meiner Ueberzeugung entgegen wäre, so würde ichihr nicht gehorchen;"" in welcher die Grundsätze der Ordnung,der Einheit und Subordination gänzlich abhanden gekommen sind.Wir haben beim Eintritt in den Dienst der Kirche unsere Freiheitan die Kirche abgetreten, wir sind Organe unserer Kirche undsollen nicht nach unserm Gutsindcn sprechen und handeln, sondernnach dem, was die Kirche als wahr bekennt, was wir bei Ueber-nahme unseres Berufes selbst als wahr anerkannt haben. Die

Verantwortlicher Redacteur : L. Schönchen.

Kirche soll sich nicht nach uns, sondern wir uns nach der Kircherichten." Cuvier findet unter den obwaltenden Verhältnissendie Synoden unzureichend, sie würden ein klägliches Schauspieldarbieten. Die reformirten Kirchen bedürften eine bleibende Auto-rität zur Ucbcrwachung der Pastoren und Consistoricn, zur Erhal-tung der Einheit in der Lehre, Disciplin und Administrationdas einzige Mittel zur Beseitigung der Uebel, an denen die refor-mirte Kirche jetzt leidet und die Jedem in die Augen springen.

Diese Sprache lautet so ziemlich katholisch; eine solche Kircheoder Kirchengewalt, wie sie Cuvier , der tief in die Gebrechen derreformirten Kirche blickt, als nothwendig erkennt, müßte ebenjene Attribute haben, welche die katholische Kirchengewalt hat.

Deutschland .

In dem mehrfach erwähnten Proteste jener Scctirer in Berlin ,welchen das Leipziger Glaubcnsbekcnntniß doch zu glaubensleer gewor-den ist, heißt es unter anderm: Wir Protestiren gegen das vonden hiesigen Scparirten angenommene Leipziger Concil-Symbol.Wir würden mit dem ersten Artikel dieses Glaubensbekenntnisses ein-verstanden seyn, wenn wir im zweitenden Sohn" fänden, ohne wel-chen man nimmer in Wahrheit den Vater hab- n kann (Ev. Joh. 5,23.14. 6. 1 Joh. 2,23), so aber weiß der zweite Artikel von Jesu Christonichts weiter zu bekennen, als daß er leer und dürr gesagtunserHeiland" sey. Es ist damit freilich ein großer Hut gegeben, unter den auchdie verschiedenartigsten Köpfe gesammelt werden können; was aber nütztdie äußerliche Sammlung einer Vclheit von Köpfen, wo keine Einheit derHerzen ist in Einem Glauben, Einer Liebe, Einer Hoffnung? Konnteman in den Artikel von Gott Vater näher Bestimmendes einfügen, beidem Artikel von Jesu Christo mußte man es, mußte es schon deßhalb,weil gerade hier die scharfe G>-änzschcide steht, wo Christenthum , Juden-thum und Hcidenthum, wo Glaube und Unglaube aus einander gehen.Ein Stillschweigen an dieser Stelle in einem christl. Glaubensbekennt-niß ist, gclind gesagt, eine Schwäche, die einer sich neu bildenden christl.Kirche zu ewiger Schmach gereichen muß. Wir müssen diese Schmachvon uns tilgen! Was soll die übrige Christenheit von uns halten, wennwir im Bekennen dessen, nach dem wir unsChristen" nennen, so sparsam,so wortkarg sind? Wovon das Herz voll ist, muß der Mund übergehen.Wir sind Familienväter; wer sichert unsern Kindern die heilsame Unter-weisung in all' den heiligen Wahrheiten, für deren jede das köstliche Blutunzähliger Märtyrer geflossen ist ? Was in dem Bekenntniß der Gemeindenicht steht, braucht weder von der Gemeinde, noch von ihrem künftigenGeistlichen bekannt zu werden. Wir fragen; man antworte uns, manantworte sich selber! Wo blcibtdie Gottheit Jesu Christi , wenn man ver-schweigt, was aller wahren Christen Zungen je und je bekannt haben undbekennen werden bis an'S Ende der Welt, daß Jesus Christus sey Got-tes eingeborener Sohn, unser Herr, der empfangen ist von dem H.Geist"undgeboren von der Jungfrau Maria?" Wo bleiben die geschichtlichenThatsachen unserer Erlösung durch Christum , die ewigen Fundamenteunseres christl. Glaubens an Versöhnung mit Gott, Frieden des Gewis-sens, Kraft, Mull), Freudigkeit im Leben, Leiden und Sterben, wennunser Bekenntniß verschweigt, daß Jesus Christus gelitten unter PontioPilato, gekreuzigt, gestorben und begraben, abgestiegen zur Unterwelt,am dritten Tage auferstanden von den Todten, und, aufgefahren genHimmel, zur rechten Hand Gottes sitzt, des allmächtigen Vaters, vondannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Todten?'Verschweigen wir das, so verschweigen wir auch, daß wir Christen sind,so ist es auch von gar keiner Bedeutung mehr, ob wir im dritten Artikelunsern Glauben and en hl. Geist' bekennen oder nicht.

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