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5 (8.6.1845) 23
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All ist, Alles in Allem seyend? Ich: Entschuldige meine,vielleicht einfältige, Aengstlichkeit, dieses göttliche Universum, denGott, der Alles in Allem ist, anzubeten: es ist mir nicht klargezeigt, ob Ihr Euch selbst in diesem All begreift? Er: Ichhabe niemals gesagt, daß ich mich selbst begriffe; weit gefehlt! ichweiß nicht, warum Ihr mich verleumdet, als glaubte ich, daß ichmich selbst begriffe. Ich: Ich sage nichts, als was die ganzeWelt sagt. Er: Anstatt mit der ganzen Welt zu sagen, daßich mich begreife, was nicht wahr ist, thätet Ihr besser, Euchmit uns zum Angriffe gegen den päpstlichen Aberglauben der Ohren-bcicht und des Cölibats zu vereinigen. Ich: Das konnte ichthun, um Euch gefällig zu seyn, vor übergroßer Liebe zu Euch,wenn ich wie Ihr nicht katholisch wäre. Er: Man kannkatholisch und gut katholisch seyn, ohne die Ohrcnbeicht und denColibat anzunehmen. Ich: Wirklich! Er: Ich sage esEuch: und ich konnte Euch an der Sorbonne, obschvn ich dortnicht Dvctvr bin, ein ganz gutes Zeugniß der Rcchtgläubigkeitausstellen, wie ich es vorgestern für meinen Freund M...'°) ineiner hohen Kammer"") gethan habe. Ich: Ach ein Zeugnißdes katholischen Christenthums von dem Anbeter des Gott -All, derin Allem ist! Wie so ganz klar! Er: Ich gestehe, daß ichnicht immer sehr klar bin, was vielleicht meine Weise mich aus-zudrücken, verschuldet. Doch erlaubt, mein Theurer, Euch zusage», daß ich Euch über mein Zeugniß vollständig befriedigt undibm an einem andern Orte""") und vor gelehrten Leuten völligeGiltigkcit verschafft hätte, bei dem einen, weil er der Sohn seinesVaters, bei mir, weil ich der Vater meiner Werke bin, bei einemDritten, weil er wegen seiner Vcrurtheilung unzufrieden ist, undbei einem Halb-Duzend Anderer, weil sie sich einen Spaß darausmachen würden, des Dritten Schicksal zu theilen. Ich: Ichdanke Euch, mein Vater, für Eure Wohlgewogenheit: Ihr hättetmich mit Euren: guten Zeugnisse gewiß denen zugeschickt, welchefür Schlichtung kirchlicher Angelegenheiten so compctent sind.Er: Ja, ich wllrte Euch auch an einem dritten Orte vertretenhaben, wo wir die heiligen Kanones deß können wir uns rüh-men, ein wenig besser auslegen, als der Papst, welcher, unteruns gesagt, nichts davon versteht. Ich: Mir scheint, meinVater, daß Ihr, ohne Gott -All zu seyn, doch Euch in dem großenAll befindet und überall ein wenig hincingczwickt seyd, so daßIhr in der Pairskammcr, in der Akademie und im Staatsrathe,also zwei-, ja dreifache Geschäfte mit der Theologie macht.Er: Warum nicht? hab' ich etwa nöthig gehabt, die Kanoneszu lese», selbst um sie nur zu verstehen? Ich: Keineswegs!Er: Over um sie anzuwenden? Ich: Noch weniger. -Er: Soll cS mir verwehrt seyn, den Staat zu vertheidigen,selbst wenn er nicht angegriffen ist? Ich: Gewiß nicht.Er: Geben mir die organischen Artikel nicht das Recht, mir, demArchilaicn, selbst die Archiclcrikcr in geistlichen Sachen zu rich-ten? Ich: Zweifelsohne. Er: Bin ich demnach nicht einStück vom All? Ich: Wer soll das Gegentheil behaupten? Er: Und wenn ich im All bin, warum sollte Gott nichtdarin seyn? Ich: Dieß kann Niemand widersprechen.Er: Und wenn Gott darin ist, warum wären die Jesuiten nichtdarin? Ich: Wahrhaftig ein starker Grund, daß die Jesuiten darin sind. Er: Und mit mir darin sind, der ich nicht mitihnen bin? Ich: Woraus folgert Ihr, daß wenn Ihr in

') Wickelet. "> der PaiiS. "') In der Aka^mie.Verantwortlicher Rid,ieteur: L. Schönchen.

dem All seyd, man die Jesuiten daraus vertreiben müsse, weil sienicht mit Euch sind? Er: (reibt sich die Stirne.) Ich: Undwas werdet Ihr zuletzt aus Gott machen, den Ihr noch vor derHand im All laßt, mein Vater? Er: Gott mag zusehen,was er werden kann: ich beschäftige mich jetzt nur mit den Jesui-ten . Ich: Ich finde es jetzt ganz natürlich, daß die Leute,welche Ihr außer dem All stellt, nichts sind, während Ihr, derIhr Euch in dem All laßt, Professor an der Sorbonne, Würden-träger der Universität, Staatsrath, Akademiker und Pair vonFrankreich seyd. Er: Das alles, weil ich im All bin; Ihrräsonnirt ganz gut und ich sehe, daß Ihr schon den Anfang ge-macht habt und unö beitretcn werdet. Ich: Ich bin nicht un-gerecht und unduldsam, wie Ihr, mein Vater; wahrscheinlich darum,weil ich kein Philosoph bin. Ich erkenne, daß Ihr ein Mann vonhohen Verdiensten, gelehrt, klug, genial, beredt und feurig seyd,ich betrachte Euch als die wichtigste Person von Frankreich . Er:Wie das, wenn ich bitten darf? Ich: Weil Ihr alle Professo-ren der Philosophie ernannt habt. Er: Und warum noch?Ich: Weil die Professoren der Philosophie alle Tage neue Ideenaushecken. Er: Und wie macht Ihr den Schluß? Ich:Weil die Jdcenträger stärker sind, als die Säbclträgcr. Er:Wahrhastig, Ihr schmeichelt mir. Ich: Ich schmeichle Euchnicht und will Euch nicht schmeicheln, indem ich, obschon anerkennendEure Macht, auch erkenne, daß Ihr einen schlechten Gebrauch vonderselben macht. Er: Welchen Gebrauch soll ich von derselbenmachen? Ich: Sagt lieber, daß Ihr keinen Gebrauch davonmacht und nicht Wissen und Gewissen in Fesseln schlagt.Er: Ach, so seyd Ihr sür die Wissenschaft? Ich: Ja,wenn sie wahre Aufklärung ist. Er: Und für das Gewissen ?Ich: Ja, nach dem 5tcn Artikel der Charte. Er: Und fürden Fortschritt? Ich: Ja, wenn er nicht rückwärts führt.Er: Für Vernunft und Recht? Ich: Vorausgesetzt, daß mannicht die Gründe des Stärkern gelten läßt. Er: Für Psycho-logie, Ideologie, Ortologie, Embryologie und Pcmthologic?Ich: Ja, ich will und muß sie wollen, weil sie alle in dem Allsind. Er: Für die Theologie? Ich: Ja, aber für die,welche Ihr selbst nicht lehrt. Er: Für die Freidenker?Ich: Ja, unter dem Vorbehalte, daß sie mir gestatten, auch anders,als sie, zu denken. Er: Für die Politiker, Moralisten, Philo-sophen? Ich: Vollständig, nur müssen sie mir erlauben, deneinen wie den andern zu sagen, daß die Politik seit Aristoteles , dieMoral seit der Votschaft des Evangeliums und die Philosopie seitPlato keinen Schritt vorwärts gemacht babc. Er: Für dieGerechtigkeit? Ich: Wenn sie ihrem Namen Ehre macht.Er: Für den Unterricht? Ich: Ja, wenn er nicht in den 3Artikeln eingereiht ist. Er: Für die Freiheit? Ich: Ja,s.lbst sür die ErziehungS - Freiheit. Er: So, wie ich?Ich: Nein, noch mehr. Er: Mehr als ich? dieß überschreitetdie Schranken einer anständigen Erörterung, und ich verschiebemein Eraminatorium auf einen andern Tag. Ich: Ganz zuEuren Diensten. Darüber brachen wir ab und da sich eine großeZahl Lachender auf meine Seite gestellt hatte, glaubte ich einenAugenblick an guten Erfolg.

') Nach der Übersetzung der Poss. k, Kirchenztg.

Verlags-Inhaber: F. C. Krem er.