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„Jedesmal, wenn ich an die Gefahren denke, die wir beſtanden haben unddenen wir durch die Barmherzigkeit Gottes entgangen ſind, ſo faßt mich Entſetzen.Damals war ich voll Muth, und jetzt darf ich kaum daran denken. Die größteGefahr jedoch drohte unſerem Pater Paul. Immer wollte man ihm ans Leben.Ich zweifle gar nicht daran, daß der allmächtige Schutz des heiligen Sacramentes,das er in ſeinen Händen trug, ihn erhalten habe. Bei einem der Beſuche, den unsdie Sipahis abſtatteten, als wir noch im Kloſter waren, fragte ihn einer der Wüthen-den, was er denn in den Händen habe.—„Es iſt mein Gott,“ antworteteder Pater.„Laß mich ihn ſehen, deinen Gott,.“— Der Pater zeigte ihm den hl.Speiſekelch, der Soldat ſah ihn und ergriff die Flucht. Auch muß ich zur Ehreunſeres lieben Herrn noch ſagen, daß jedesmal, wann der Pater ſich Soldatennäherte, die bereit waren, auf ihn zu ſchießen, dieſelben, wie vom Schrecken ergrif-fen, zurückwichen, als ob ihre Wuth durch eine höhere Macht gefeſſelt ſchiene. Unddoch hatten wir keine andere Wehr, als den Schutz des heiligſten Altarsſacramentes.Uebrigens danke ich dem lieben Gott, daß gar keine Waffe zu unſerer Beſchützungverwandt worden iſt; indeß wäre jeder Widerſtand unmöglich und wir wären un-fehlbar verloren geweſen.
Wie eine Mutter liebt.(Eine wahre Begebenheit.)
Kein Menſchenherz auf Erden liebt inniger als das Mutterherz. Wie oftwird das von Kindern vergeſſen! Hier ein Beiſpiel ſolcher Mutterliebe.
Im Jahre 1858 mußte der Sohn des M. L. zu S. Soldat werden. Erkommt in die 4 Stunden entfernte Stadt L. in Garniſon. Da ſieht man nunjeden Samſtag Nachmittag ſein Mütterchen zum Bäcker eilen, um einen Kuchen zubeſtellen für den lieben Fr. Welche Freude leuchtet aus ihren Augen, daß ſie daskann. Am Sonntag Morgen noch ehe die Sonne aufgeht, wandert das Mütterchenmit einem Stück trockenen Brodes im Sacke und dem Kuchen im Tuche zur Stadt.Sie iſt früh aufgeſtanden; doppelte Liebe ruft ſie; ſie will den lieben Heiland inder heil. Meſſe und ihr Kind beſuchen. Nachdem ſie ihre katholiſche Chriſtenpflichtin der Kirche zu L. mit inbrünſtiger Andacht erfüllt, eilt ſie an den Platz in derNähe der Kaſerne, wo ſie ihren Fr. treffen ſoll. Beſcheiden und ſchüchtern ſteht ſieda und harrt ſeiner Ankunft. Endlich nahet er. O welche Liebe, welche Sehnſuchtſpricht aus dem Mutterauge! Sie ergreift ihres lieben Kindes Hand, und kannſich erſt gar nicht ſatt ſehen. Sie hat ihn ja acht Tage lang nicht geſehen. Dannfolgt Frage auf Frage. Obgleich ſie ſchwerhörig, verſteht ſie doch jedes Wort: dasMutterauge hilft dem Ohr. Wie ſchnell flieht die Zeit! Der Sohn muß fort,die Mutter auch! Doch ehe die Mutter ſich losreißt, greift ſie noch in ihren Sack:Geld hat ſie keins; nur noch ein Stück Brod: das ſoll ſie ſtärken auf dem Heim-wege. Schnell drückt ſie es ihm in die Hand:„Da F. nimm das Brod, ſchneid'sDir in die Suppe, ich werde ja wohl ohne Brod heim kommen.“ Der Sohnweigert ſich, es zu nehmen, da reißt ſie ſich los mit den Worten: Franz, ſei bravund folge ſchön! und eilt fort. Mehrmals ſchauet das treue Mutterauge noch um,ob ſie ihren Liebling noch einmal ſehen könne; dann trocknet ſie ihre Freudenthränen,und mit einem„Gott ſei Dank!“ wandert ſie, faſt ohne etwas genoſſen zu haben,4 Stunden lang heim, und erzählt dem Vater und den Kindern daheim, was ſiegeſehen und gethan.
Jetzt iſt der Sohn weiter gekommen, nach Würzburg. Ach nun kann ſie ihnnicht mehr beſuchen, und auch zum Kuchenſchicken iſt die Baarſchaft zu klein. Wieoft denkt und ſchaut ſie gegen.:„Wird er wohl bald kommen? Wir bräuchtenihn doch ſo nöthig.“ So ſeufzt ſie überlaut:„Herr, dein Wille geſchehe!“
So liebt ein Mutterherz! Wird dieſe Liebe ſtets gewürdigt?
Redaction und Verlage Dr. Mex Huttler.— Druck von M. Kleinle