AWliilM AmtigMalt.
Ä. 8. Januar 1860.
DaS Airgsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post-Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährigeAboimementspreis ist 20 rr., wofür eS durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhand-lungen bezogen werden kann.
Auf das „Augsburger Sountagsblatt", viertel-jährig 20 kr., kann «ran sich noch immer abonniren,was bei der nächstgelegenen Post geschehen möge.
Der wahre Bräutigam.*)
^ „Warum weinst du, Agathe?" — fragte die Mutter.
„Ach! schon bricht die Nacht herein, und noch ist Heinrich nicht da" — ent-gegnete die Tochter. — „Hat er seine Braut vergessen, oder ist ihm ein Unglückzugestoßen?"
Bald sollte die bange Ungewißheit des armen Mädchens in schreckliche Gewiß-heit sich wandeln. Marie, Agathens Schwesterchen, stürzte herein. — „Denke dir,Mutter!" begann das Kind mit geschäftiger Eile — „Heinrich ist bei einem Schein-gefechte auf dem Ercrcierplatze von einem Soldaten unvorsichtiger Weise erstochenworden und augenblicklich todt geblieben."
„Todt!" — schrie Agaihe und sank ohnmächtig zu Boden.
Den Bemühungen der Mutter, deS herbeigeholten Arztes gelang es, Agathenzwar zum Leben, aber nicht mehr zur vollen Gesundheit zurückzurufen. Das Augeverlor seinen Glanz, die Wange ihre Blüthe, und die Lippen hauchten oft denNamn:: „Heinrich!"
In einer Nacht senkte sich der wohlthätige Schlummer über die oft schlaflosenAugenlider der unglücklichen Kranken und ein süßer Traum erquickte ihre Seele.Ihr war'S: sie säße beim Lampenscheine vor ihrer Arbeit und harre ihres Heinrichs.Eine unnennbare Bangigkeit beschlich ihr Herz, denn das Licht der Lampe erlosch,ihr Auge ermüdete, und Heinrich kam noch nicht. Da kniete sie sick vor das Bilddes Gekreuzigten, sich und ihren Bräutigam dem Schutze des Allmächtigen zuempfehlen. Siehe! mit einem Male erfüllte ein Lichtglanz ihr Zimmer, überirdischstrahlend und doch nicht blendend. Und das Lichtmeer nmfloß einen Jüngling,welcher wie ein Seraph in's Gemach schwebte und freundlich lächelnd zur Beterinjagte: „Stehe auf, mein Kind, und schaue mich an! Ich bin dein Bräutigam."
Agathe blickte auf und sah in die himmlisch schönen Züge des Jünglings.Dann sagte sie, traurig den Kopf schüttelnd: „Du bist mein Heinrich nicht."
Mit Hoheit und Milde versetzte der Jüngling: „Ich bin Christus, der wahreund einzige Bräutigam deiner Seele. Warum also weinst du?
Agathens Auge suchte den Boden. Heilige Schauer ergriffen sie.
Der Jüngling fuhr fort: „Siehe die Strahlen, die Funken des mich umgeben-den Lichtmeeres! Jeder Strahl, jeder Funke ist ein Heiliger, ein Seliger, welchealle in mir, ihrem Mittelpunkte, Anögang und Znströmung zu meiner, wie zu ihrerVerherrlichung erkennen. Dein Auge sei für einen Augenblick mit himmlischer Seh-
) Diese Erzählung ist Eigenthum des Sonntagsblattes.