mir Heinrichs TodeSwuzide, die ich nicht verbinden konnte; jedes Auge eines Ster-benden, welches ich zudrücke, Heinrichs im Tode gebrochenes Auge, das ich nichtmehr schauen durfte. So ehre ich des Verblichenen Andenken auf eine dir wohl-gefällige, den Menschen ersprießliche Weise."
Der Lichtglanz verdunkelte sich. Der Jüngling schwebte langsam dein Auö-gange zu.
„O Herr!" — rief Agathe — „bleibe bei mir, denn eS will Abend, Nachtin meiner Seele werden."
„Willst du, daß ich bei dir bleiben soll, so bleibe, lebe, wirke auch du in mir,dem entsündigenden Vermittler, und nicht im entsündigten Geschöpfe, welches, wan-delte eS nicht in meiner Anschauung, wohl deines Gebetes, aber nicht deines vonallem Himmlischen wie Irdischen Dich losreißenden Schmerzes bedurft hätte!"
„Kann ich dies thun, o Herr, wenn du nicht das Vollbringen gibst? Derheilige Paulas, von der Sünde befreit, rief anS: „„Nicht ich habe vieles gewirkt,sondern Gottes Gnade in mir."" Und ich, über und über mit dem Aussatze derSünde beladen, sollte, wen» auch nur Weniges, aus mir selbst wirken können?"
„Dir haben Glaube, Gottvcrtranen und Demuth geholfen, so daß ich mit demreinen Wollen mich begnügen werde. Dulde nnn den letzten irdischen Schmerz!Denn heute noch wirst du mit mir im Paradiese wandeln!"
Nach diesen Worten löste sich ein Strahl von göttlichem Lichtmeere und wan-delte sich rascher, als des Gedankens raschester Flug, in einen Greis mit ernst-freund-lichem, ehrwürdigen Haupte, dessen Kinn ein silberweißer Bart bis znr Brust herabschmückte. Der Greis führte in seiner Rechten einen Stab, mit welchem er leise dieBrust Agathens berührte. Da schwand wie auf einen Zanberschlag der Lichtkreisnutz der von ihm umflossene göttliche Jüngling. Der wonnige Traum löste sich aufin schmerzliche Wirklichkeit.
„Mutter! Mutter!" — schrie das geängstete Mädchen.
Die Mutter, welche im Zimmer ihrer Tochter schlief, sprang erschreckt vom
Lager auf. Ein Blutstrom bedeckte über und über ihr krankes Kind, dessen Gesicht
von TodeSblässe überzogen war.
„Marie! Marie! den Arzt, den Geistlichen:" — riefdie halbverzwcifelndeFrau.
, „Mutter! Schwester! verzeiht mir!" — hauchte Agathens ersterbende Stimme.
„Ich vergebe dir den einzigen Schmerz, welchen du mir durch deinen Tod be-
reitest" — schluchzte dte Mutter und warf sich auf die leblose Hülle ihres KindcS.
Als Agathe zu Grabe getragen ward, schmückte ihren Sarg ein Kranz vonLilien nnd weißen Rosen zum Zeichen, daß sie eine reine Jungfrau, im göttlichenMenschenfreunde allein den wahren Bräutigam erkannt habe.
O möchte jede Jungfrau, jeder Jüngling, deren Sarg dies heilige Sinnbildreinster Jungfräulichkeit schmückt, desselben auch im Leben vollkommen würdiggewesen sein!
Pfarrer nnd Pfarrgemeinde.
In jedem Kirchspreugcl wohnt eiu^Mann, der keine Familie hat und doch zujeder Familie gehört, den man als Zeugen, Rath oder Theilnehmer zn den feierlich-sten Verhandlungen des Lebens zieht; der den Menschen bei der Geburt empfängtnnd erst am Grabe verläßt, der die Wiege, das Ehe- nnd Sterbebett und den Sargsegnet und einweiht; ein Mann, den die kleinen Kinder zn lieben, zu verehren undzu furchten gewohnt sind; dem die Christen ihre innersten Geständnisse, ihre geheim-sten Thränen zu Füßen legen; ein Mann, welcher der berufene Tröster in allemElend der Seele nnd deö Leibes, der verpflichtete Vermittler des Reichthums nnd derBedürftigkeit ist, der den Armen nnd den Reichen abwechselungSweise an seine Thüre