Ausgabe 
20 (8.1.1860) 2
Seite
12
 
Einzelbild herunterladen

12

klopfen sieht; den Reichen, nm sein geheimes Almosen darzubringen, den Armen, nmes ohne Erröthen zn empfangen; ein Mann, der, ohne einen bestimmten Rang inder Gesellschaft einzunehmen, allen Classen anf gleiche Weise angehört; den unterenClassen durch seine einfache Lebensweise und nicht selten durch die Niedrigkeit seinerHerkunft; den höheren Classen durch seine Erziehung, Wissenschaft und den Adel derGefühle, die eine menschenfreundliche Religion einflößt und verlangt; mit EinemWorte, ein Mann, der Alles wissen, Alles sagen darf und dessen Wort mit demGewichte und der Gewalt einer göttlichen Sendung zu dem Verstände und dem Her-zen der Menschen spricht. Dieser Mann ist der Seelsorger der Pfarrer.

Nicht umsonst will die Kirche, daß die Gläubigen in den QnatemberwochenGott durch Fasten, Beten und andere gute Werke inständig anflehen, daß er seinerKirche würdige Diener nud Hirten verleihen möge, denn Niemand kann einer Gemeindemehr Gutes oder Schlimmes erweisen, als der Seelsorger der Pfarrer, je nachdemer seinen hohen Beruf erfüllt oder mißkennt.

Dagegen ist es aber auch eine große Gnade, die Gott einem Pfarrer er-zeigt, wenn er dessen Obhut eine Gemeinde anvertraut, die willig ihr Ohr dem öffnet,was deren Scclenhirte aus einem frommen und väterlich besorgten Herzen zn ihrspricht und das Nichts Anderes bezweckt, als das zeitliche und ewige Wohl der Pfarr-kinder selbst. Als eine derartige Gemeinde hat sich in der neueren Zeit unter vielenandern eine Pfarrei in der Schweiz bewährt, der wir einige Augenblicke jetzt unszuwenden wollen.

Welcher Tourist hat jemals daran gedacht, von Frei bürg in der Schweiz anS das eine Stunde davon entfernte Dorf Dudingen zu besuchen? Die Weg-weiser wissen kein Wort von ihm, man findet dort weder celtische Druidenstcine, nochrömisches Mauerwerk, weder Schwefelquellen, noch Wasserfälle, noch sonst irgendEtwas, was der Bemerkung werth wäre; sogar von Felsen und Tannen ist nichtmehr da, als gerade nöthig ist, wenn ein schweizerisches Dorf nicht gänzlich nm seinenguten Namen kommen soll. Und dennoch gibt es hier für eine christliche Seele vielLiebes und Schönes!

Die Pfarrei Dudingen zählt im Ganzen gegen viertausend Seelen; darunterwaren vor etwa drei Jahrzehnten noch sehr viele Arme. Die Kirche des Ortesdrohte einzustürzen, und der Pfarrer beschäftigte sich Tag und Nacht mit seinenzwei heißesten Wünschen: mit dem sehnlichen Verlangen das Elend zumildern und das Gotteshaus wieder herzustellen.

Er fing mit dem Dringlichsten an und die christliche Liebe fehlte nicht. In-dessen, mochte die Anzahl der Armen zu beträchtlich, oder die fördernde Ordnungbei der Vertheilung der Unterstützung nicht möglich sein, die Hilfsmittel reichten nichtaus. Nun versammelte er seine Pfarrkinder:Wir haben sagte er zn ihnennur Ein Mittel, des Elends Meister zn werden, wir müssen die Armen, besondersdie Kinder, unter uns theilen. Die Größeren lassen wir arbeiten, die Kleinen ziehenwir groß, und Alle sind so geborgen. Dann können wir ruhiger und auch wirk-samer für die Bedürfnisse der Frauen und Greise sorgen. Was haltet ihr davon?" Die ehrlichen Pfarrkinder wußten im ersten Augenblick nicht, was sie thun sollten,und es ließen sich hier and dort kleine Bedenklichkciten hören.Verschieben wir dieSache auf ein paar Tage!" meinte der Pfarrer und ließ die Versammlung anS-einandergehen. Am nächsten Sonntage bestieg er die Kanzel.Ihr lieben Freunde,wir müssen die Sache mit nnseren Armen denn doch in Ordnung bringen, denn wirhaben wohl Zeit genug zum Ueberlegen, sie aber nicht zum Warren!" Als Text hatteer den Spruch eines Heiligen gewählt:Wenn einer von Euch sieben Kin-der hat, so nehme er ein achtes an Kindesstatt an, und mit diesemwird der gütige Gott in sein Hans ziehen!" Was er dazu gefügt, wie eralle Gemüther bewegt hat, wir wissen nicht; nur das wissen wir, daß alle Stim-men, zn einer einzigen Stimme vereint, willig und freudig seine Rede mit dem Rufe

>»««>»»

«!!>>l