15
„volle Gerechtigkeit, daß wir das Bessere mehr, das Geringere weniger lieben. Aber„wir sind in Eitelkeiten und schändlichen Tand so versunken, daß wir auf die Frage:„ob daS Wahre oder das Falsche besser sei, zwar einstimmig antworten: das Wahre!„allein dabei doch der Lust nnd dem Tand weit inniger anhangen, als den Lehren„der Wahrheit." (Sr- Augustiners, von der wahren Religion.)
Ein Anderer sagt: „Ich habe mit dem Bücherlescn gewiß keine bösen Absichten.Ich lese znr Unterhaltung. Man kann doch nicht in Einem fort an der Arbeit sein,oder daS Gebetbuch und das Leben der Heiligen immer in der Hand haben. Wennich nun hier und da in freien Stunden zu meiner Erholung und Unterhaltung einschönes Buch lese, so möchte ich doch wissen, wer das mit Recht tadeln kann?"
Wenn wir diesen Grund anhören, so müssen wir sigen: Nein, dagegen läßtsich nichts einwenden. Willst dn zuweilen zn deiner Erholung etwas lesen, so darfstdn daS gewiß. Darin sind wir ganz einig. Aber warum wählst dn dir geradesolche verliebte Geschichten? Warn», gerade solche süßliche Romane? Warum geradejene weichlichen Taschenbücher, die schon durch ihre schmachtenden Titel: Vielliebchcn,Vergißmeinnichtchen, Lilien und Rosen, Perlen, Cvrnelia n. s. w. verrathen, inwelchem Sumpfe sie gewachsen sind? Warnm gerade solche Werke, welche von demblauen Dunste der falschen Aufklärung erfüllt sind? Gibt es denn keine besserenBücher? — Das ist gewiß nicht ohne Bedeutung, daß du gerade solche Bücherschön nnd interessant findest. Suchen wir darüber klar zu werden.
Wie lieblich ist es, im Frühlinge hinauszugehen und das prachtvolle Blüthen-kleid der Erde zn betrachten. Von, Garten nnd von der Wiese des Thales an bishinauf zur steilen Felsenwand ist Alles mit Blnmen geschmückt. Und welch einLeben herrscht überall! Bunte Schmetterlinge wiegen sich auf den Blnmen undsaugen begierig den Honig ein. Unzählige Bienen sind von früh bis spät geschäftig,den süßen Honig in ihre Zellen zu tragen, und auch die Käfer finden da ihren Tischgedeckt nnd wühlen behaglich in dem gelben Blüthcnstaub nnd nagen mit Lust anden zarten Blnmenblättchcn, die ihnen zur Nahrung dienen. Dagegen gibt es wiederganze Schwärme von Fliegen nnd auch mehrere Arten von Käfern, die sich anSden schönen Blumen gar nichts machen. Spüren sie aber von ferne Gegenstände,die in Fäulniß übergehen, und von denen sich der Menschheit Auge und Nase vollAbscheu wegwenden muß, so fliegen sie eilig darauf zu und fallen mit dem näm-lichen Behagen darüber her, wie die Bienen und Schmetterlinge über die Honig-reichen Blumen.
Hier haben wir ein Gleichniß, das keine weitere Erklärung bedarf. —
„Auch ich — sagt wieder ein Anderer — lese nicht aus böser Absicht. Nein,ich lese bloß deßhalb, weil ich einsehe, daß man sich heutzutage nicht ganz gegen dieLiteratur abschließen kann. Man muß doch wenigstens wissen, was in der Weltvorgeht und mit der Zeitcntwicklung einigermaßen gleichen Schritt halten. In dieserAbsicht lese ich sowohl waS für, als auch was gegen die gute Sache geschrieben wird."
Man kann diesen Zweck gewiß nicht unbedingt verwerfen. Es kommt nurdarauf an, suf welcher religiösen Stnfe Jemand steht. Wenn in dem Geiste einesMenschen der Glaube zn einer großen Klarheit und in dem Herzen zu einer großenEntschiedenheit gelangt ist, dann ist allerdings keine Gefahr zn fürchten. Ein solcherLeser wird schon mit der nöthigen Vorsicht und Selbstüberwindung lesen. Seinereligiöse Festigkeit kann dadurch vielleicht noch gewinnen, gleichwie ein Feuer, welchesvielen Brennstoff um sich nnd über sich hat, vom Sturme nicht ausgelöscht, sondernnnr noch mehr angeblasen wird. ES kaun ihm gehen, wie einem reichen Gutsherrn,der zn Hans Alles in Fülle besitzt nnd am Ende etwas gleichgiltig gegen sein Glückwird. Kommt dieser Herr aber einmal in die Hütten der Armuth nnd sieht da,wie die Armen vor Kälte zittern nnd das tägliche Brod nicht haben und noch dazukrank sind, da schätzt er sein Glück um so höher und spricht: „Was gibt eS dochso großes Elend in der Welt; wahrhaftig ich kann meinem Gott nicht genug danken,