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jene Bücher mit der Alles verflachenden Humanitätstendenz — kurzum: sie bestelln-deten sich auf das Innigste mit dem Zerrbild und Fratzenbilv der Menschheit, ehesie noch das schöne Ideal derselben geschaut hatten. Und daS geschah anfangs bloßaus Neugier und bloß aus dem schöuklingenden Beweggründe, mit der Zeitbildunggleichen Schritt zu halten.
Ja, da soll es auch noch heißen: „Ich lese dafür nnd auch dawider." Mauweiß wohl, wie es geht. Wer sich einmal seine LebenSanschauungen aus schlechtenZeitungen und Büchern zurecht gelegt hat, der sieht nicht mehr nach, was gute Zeit-schriften, z. B.: die historisch-politischen Blätter sagen; er gibt sich auch schwerlichdie Mühe, ein gutes Werk zu lesen, wie z. B.: die Symbolik von Möhler, daSHandbuch von Deharbe und Andere. Also auch diese Redensart: „Ich lese auSNeugier, oder der Zeitbildung wegen" kann kein Freibrief znm Lesen schlechterBücher sein.
Jetzt kommt Einer und sagt: „Ich lese allerhand Romane, Novellen und Ge-dichte, das ist wahr: aber ich thue das nur, um mir Menschenkenntniß zu sammeln.DaS ist auch der Grund, warum ich fleißig in's Theater gehe. In den Romanenund Schauspielen werden die verschiedenartigsten Charaktere und Lebensvcrhältnissegeschildert, die ich sonst kaum in meinem Leben in der Wirklichkeit zu schauen hoffendarf. Da werden die reich bewegten Lebenswege des Menschen als Bild in einenengen Rahmen zusammengedrängt. Da erblickt man den Menschen im Kampfe mitsich selbst, im Kampfe mit der Natur, im Kampfe mit dem Schicksale; da treten diesonst im Verborgenen wirkenden Beweggründe und Ursachen offen zu Tage unddaraus schöpfe ich Menscheukenntniß."
Bis hierher hat die Sache einen guten Klang. Aber halt, guter Freund, duhast zwei wichtige Puncte übersehen. Du sagest, es werden da Charaktere und Ver-hältnisse geschildert; gut, — werden denn aber auch die Gegenstände immer wahr-heitgemäß und getreu geschildert, oder ist es nicht vielmehr so, daß die Phantasiedes Schriftstellers Alles im Zauberlichte der Poesie und der Uebertreibung zeigt?Wer dergleichen gelesen hat, wird wissen, daß bei solchen Darstellungen Wahrheitund Dichtung sehr sein ineinandergewoben sind nnd daß in einem solchen Buchegewöhnlich mehr Dichtung als Wahrheit herrscht. DaS ist das Eine. — Zweitensmußt dir auch erwägen, welche GeisteSrichtnng denn in einem solchen Buche herrscht.Wehet ein unklarer oder indifferentistischcr oder geradezu gottloser Geist durch dasBuch — wie kannst du dann Werth darauf legen?
Wenn ein Buch getreue Schilderungen enthält nnd in gutem Geiste geschriebenist, dann kann man wohl zugeben, daß es dir Beiträge zur Menschenkenntniß liefert,aber nicht gerade wegen der darin enthaltenen Schilderungen, sondern mehr darum,weil diese Schilderungen deine Aufmerksamkeit auf die Erscheinungen deS wirklichenLebens lenken nnd so einen gewissen Beobachtnugsgeist in dir wecken. In dieTiefe der Menscheukenntniß steigen auch die besten Romane nur selten, nur ineinzelnen Lichtblicken und Sentenzen; der überwiegende Inhalt beschäftigt sich nurmit dem äußeren Menschen.
Meine größte Befürchtung ist jedoch diese: du liesest viel solcher Bücher undsuchest DaS, was dn darin als Wahrheit anerkennst, aus das wirkliche Leben an-zuwenden. Du stellst Begleichungen an zwischen Dem, was dir der Schriftstellervorgelegt hat und Dem, was dir das wirkliche Leben zeigt. Du prüfest, ob derSchriftsteller Recht oder Unrecht hat und auf diese Weise wirst du, ohne eö zumerken, dahin gebracht, Alles auf die Außenwelt zu beziehen und nicht in deineinnere Welt hinabzusteigen. Wo bleibt aber da der wichtigste Theil der Menschen-kenntniß — nämlich die Selbstkennlniß? Es ist wahr, du verstehst die Charaktereund die Lcbensverhältniffe der Menschen ziemlich gut zu beurtheilen — aber wannhast du je eine Anwendung auf dich selbst gemacht? Siehst du denn nicht ein, daßein ausschließliches Lese» solcher Bücher dich nur noch mehr darin bestärken wird: