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viel Sinn für die Naturwissenschaften, bei deren Studium sie stets aus den Schöpferselbst zurückkam. Musik betrieb sie auch mit Gefühl und Geschick, ebenso Zeichnennnd Malerei und jegliche weibliche Handarbeit. Allen diesen Beschäftigungen lag siesehr pünktlich ob, und hielt genau die hiezu bestimmten Stunden ein : ihre Lieblings-Beschäftignng jedoch in freien Augenblicken war das Lesen frommer Bücher, beson-ders der Heiligen-Legenden und der Geschichte der Kirche, bei deren Verfolgungen sieauch Thränen vergoß, wie die Verhandlungen berichten. Und da sie wenig Zeit zudieser Beschäftigung erübrigte, so benützte sie hiefür auch jene, die ihr zum Frifirenund Anziehen bestimmt war, indem sie dieß Alles ihren Dienerinnen überließ, nndniemals die Augen erhob, um sich im Spiegel zu beschauen, der vor ihr hingestelltwurde, und wenn selbe sie fragten, was für eine Frisur ihr gefällig sei, antwortetesie allemal: „Thut, wie Ihr wollt." Solches wird vielleicht ernsten Männern vongeringem Belang scheinen, nicht so Frauen nnd Mädchen, welche es gewiß als einenAct der Ueberwindung und der Demuth anerkennd« werden. Und Christina wardemüthigen Herzens, und legte gar keinen Werth auf ihre geistigen oder körperlichenVorzüge, so daß sie bei den ihr hierüber gespendeten Lobeserhebungen, denen sie uicentging, mit den «Schwestern herzlich lachte, und selbe äußerst abgeschmackt fand.
Nur zu bald aber lernte dieser Engel, der gleichsam in einem Orte der Ver-bannung und in einer für sein Hans und ganz Europa sehr unruhigen Zeit geborenwar, die Vergänglichkeit der irdischen Größe kennen, und wie Gott bisweilen auchdie edelsten Monarchen auf die Probe stellt, wenn sie für die Treue und den Eiferihrer Pflichterfüllung, anstatt Anerkennung, nur Undank und Bosheit ernten.Victor Emmanuel, einer der mildesten und großmüthigsten Regenten, sah 1821 plötz-lich sein ganzes Reich in Verschwörung gegen seine Krone sich erheben; weßwegener, um großem Uebeln vorzubeugen, die königliche Würde seinem Bruder Carl Felir,Herzog von Genua , abtrat. Bei dieser Gelegenheit ahmte Christina die Seelengrößeihres königl. Vaters nach, nnd erhöhte ihre Entsagung noch durch die kindliche Liebe.Wahrhaftig! das Schauspiel einer königlichen Familie, welche beinahe mit Freudenvie Krone verliert, um hiedurch Gewissen und Ehre zu retten, könnte heutzutage,wo man mit unerhörter Frechheit Gewissen nnd Ehre mit Füßen tritt, um feine Be-gierde nach Macht zu sättigen, mehr als eine Stirne erröthen machen. Ein hochge-stellter Zeuge gibt uns folgenden Bericht über jenen Act: „Ich erinnere mich, anjenem Abende zwischen der Königin und dem Prinzen Carl Albert gesessen zu haben.Als nach beendeter Mahlzeit die Nachricht der Abdankung des KönigS anlangte, be-rief die Königin alle Prinzessinnen in die HanScapclle, und sprach zu ihnen: „DerKönig, Euer Vater, hat dem Throne entsagt, und von nun an sind wir nnr mehreinfache Privatleute; danken wir aber Gott, daß wir hiedurch das Gewissen und dieEhre gerettet haben." Die Königin hatte nämlich, so heißt es in den Verhandlun-gen, nach Prüfung der modernen Konstitutionen die Ueberzeugung gewonnen, daß alleirgend etwas Unmoralisches enthalten. Alsdann kündigte sie ihnen auch ihre bevor-stehende Abreise an, nnd kniete vor dem Altar nieder; weder eine der Prinzessinnennoch die Mutter hatten eine Thräne im Auge, während wir Alle laut schluchzten."Ich erwähne dieser Abdankung Victor Emmanuels, um die Seelenstärkc nnd Resig-nation Christincns hervorzuheben, welche schon in so zartem Alter diese Trübsal znüberstehen hatte.
Derselbe Zeuge fügt noch hinzu, daß, als er nach Nizza reiste, um diesemgroßmüthigen Fürsten seine Ehrfurcht zn bezeigen, Christin«, obwohl weit entferntsich über den Verlust des Reiches zu beklagen, dennoch die Trauer und den Schmerzwegen ihrer Eltern nicht verbergen konnte, indem sie sagte: „Mein Vater ist so gut,und hat dennoch fo viel Kummer erleiden müssen." Vielleicht wußte die unschuldigeSeele damals nicht, daß eben in dieser Welt der Täuschungen und der Prüfungender Kummer das Erbtheil der Guten ist.
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