Ausgabe 
20 (5.2.1860) 6
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Mit nicht geringerer Seelenstärke ertrug Christina den herben Schmerz ob demVerlast des Vaters; ihr einziger Trost Hiebei war die Erinnerung an dessen Frömmig-keit und übrige Tugenden, welche ihm bald den Genuß der ewigen Seligkeit sichernwürden, und um diese noch mehr zu beschleunigen, opferte sie alle ihre Gebete,Beichten und Commnnionen in dieser Meinung auf, und ließ oftmals auf Kostenihres kleinen Wochengeldes das heil. Opfer darbringen.

Da auch die Königin Maria Theresia sehr fromm war, so besuchte sie oft mitihren Töchtern Marianna und Christina die schönsten Kirchen Geuua'S, wo derGottesdienst sehr feierlich begangen wurde, was Christinen sehr lieb war, wie sieihren Vertrauten einmal gestand, indem sie sagte, daß ihr der Aufenthalt in Romund Genua der liebste sei, weil daselbst der Gottesdienst feierlicher als anderswoabgehalten werde. Jeden Sonntag, nach Anhörung zweier heil. Messen in der kgl.Capellc, führte die Königin ihre Töchter in die Pfarrkirche zur heil. Messe undPredigt, wobei die junge Prinzessin stets verschleiert erschien, und mit solcher An-dacht und Ehrerbietigkeit auf den Knieen ausharrte, daß es znr allgemeinen Er-bauung war, und nicht Wenige, nur um diese engelglciche Frömmigkeit der Prin-zessin zu bewundern, in jene Kirche sich verfügten.

Im Jahre 1825 begab sich die köuigl. Wittwe mit ihren Töchtern nach Rom,nm dort das heil. Jubiläum zu gewinnen. ist nicht zn beschreiben, mit welcherFreude Maria Ehristina Mutter und Schwester in jene heil. Kirchen und zu denin St. Peter abgehaltenen päpstlichen Festlichkeiten begleitete. Schreiber dieser Zeilenhatte die Ehre, die Königin mit ihren Töchtern in das Noviziat von Sant'Andreaa Monte Cavallo einzuführen, wo der heil. Skanislans Kostka gestorben, nnd er-innert sich lebhaft ihrer Andacht, welche besonders bei Christinen einen himmlischenWiderschein zeigte. Sie kniete vor der Statue sein Meisterwerk des berühmtenLe Gros*) nieder, betete längere Zeit, und küßte dann Hände und Füße derselbenmit Innigkeit. Jene beiden heiligen Seelen mußten gegenseitig über ihre Aehnlich-kcit in der Unschuld und Liebe Gottes entzückt sein!

In jenen Tagen bet diese Königin mit ihren Töchtern dem römischen Volkeein Schauspiel der Frömmigkeit, welches die ganze Stadt in Erstaunen setzte. Sosagt ein Augenzeuge:Am ersten Sonntage im Mai ging die Königin von Sar-dinien mit ihren Töchtern Marianna und Christina, den Rosenkranz in der Handnnd ohne Schuhe, blos in den Strümpfen aus dem Palaste, und sie begaben sich,mit dichten Schleiern bedeckt, zum Besuche der Hanptkirchen. Dieser Anblick rührtedas Volk dermaßen, daß es in kurzer Zeit in großer Anzahl ihnen folgte, um sieanzustaunen.

Als sie wieder nach Genua zurückgekehrt nnd Marianna schon an den König Fer-dinand von Ungarn vermählt war, setzte Christina, obwohl bereits 18 Jahre alt,ihre unschuldige, unterwürfige, bescheidene und demüthige Lebensweise fort und ihreMutter, welche sie übermäßig liebte, konnte ihr nie einen Wunsch aus den Augenlesen, weil sie sich bemühte, dieselben stets von der Mutter abhängig zn bewahren,und im strengsten Gehorsame zn verbleiben, wie es in den Verhandlungen heißt:Es war eine solche Ruhe und Ordnung in ihrem Geiste, daß man nur selten irgendeinen Wunsch ihr im Gesichte lesen konnte." Und weiter oben heißt es:Sie warvon solcher Willfährigkeit, daß sie sich dem Willen der Mutter stets ohne Wider-spruch unterwarf."

*) Er stellte den Heiligen liegend auf einer Decke von gestreiftem Alabaster vor.Hände, Füße und Kopf sind aus glänzend weißem Marmor, das klebrige des Leibes auSdunkelm Gestein. So scheint er lebendig und mit dem religiösen Kleide angethan. DerKünstler selbst, ein Kalviner, wurde bei Betrachtung seines Werkes und des himmlischenAusdruckes im Gesichte des hingestreckten Heiligen so ergriffen, daher, der inneren Bewegungfolgend, niederstürzte, und ihn mit Inbrunst küßte. Bald darauf wurde er Katholik.